Notizen zum fluter.de-Interview


Ein Interview mit einem »Mann, den es eigentlich nicht gibt«, erschienen auf fluter.de, schlägt derzeit hohe Wellen. Bin Stunden geisterte der Link zu dem Artikel hundertfach durch Facebook, Twitter und diverse Blogs und wurde noch weit häufiger kommentiert. All das nur wegen eines anonym geführten Interviews. Offenbar wurde hier an ein Thema gerührt, das noch immer ein heißes Eisen ist.

Dieses Thema, dieses heiße Eisen, heißt »Homosexualität im Fußball«, denn der Interviewte ist Bundesligaprofi und gleichzeitig schwul. In einer freieren Gesellschaft wäre das wahrscheinlich nicht einmal ein »Aha« wert. In der Welt, wie sie ist, ist es eine mittelschwere Sensation, auch wenn Bayern-Präsident Uli Hoeneß »unsere Gesellschaft« für »doch ziemlich aufgeklärt« hält.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach dagegen zeigte sich umgehend hilfsbereit: »Sollte sich ein Spieler, egal ob in der Bundesliga oder der Kreisliga, öffentlich als homosexuell outen wollen und dabei die Unterstützung des DFB benötigen, so wird unser Verband jegliche Hilfe anbieten.« Die Crux dabei ist, dass genau solche Hilfsangebote nachdrücklich beweisen, dass eben doch nicht alles so harmlos ist, wie es von den Vorstandsetagen aus aussieht. Da verwundert es auch wenig, dass Menschen, die sich zwangsläufig sehr viel direkter mit der Thematik auseinandersetzen müssen, weniger optimistisch in die Zukunft blicken. So äußerte beispielsweise die Organisation Queer Football Fanclubs, in der sich LGBT-Fanclubs verschiedener Vereine aus mehreren Ländern Europas zusammengeschlossen haben, in einem Statement:

»Die Aufmerksamkeit, die dieser Artikel und damit das Thema bekommen, zeigt uns, dass Toleranz von Homosexualität noch nicht bei jedem angekommen ist. Allein die Tatsache, dass dieses Interview anonym durchgeführt wurde, belegt, dass Schwulsein längst keine Normalität hat.«

Auch der im fluter interviewte selbst zeigt sich bestenfalls eingeschränkt optimistisch:

»Das ist alles gut gesagt, wenn man nicht am nächsten Spieltag ins Stadion muss. Vielleicht wäre es zu verschmerzen, wenn sich mehrere Spieler outen würden, aber selbst da sehe ich momentan wenig Hoffnung. Schließlich wäre es dann immer noch eine Minderheit, auf der man vorzüglich herumreiten könnte.«

Wer regelmäßig oder auch nur gelegentlich in bundesdeutschen Fankurven unterwegs ist wird diese Einschätzung höchstwahrscheinlich bestätigen. Zwar hat sich in den letzten zwei, drei Jahren enorm viel getan. Es sind Bücher geschrieben worden, Filmdokumentationen über den Äther gegangen und nicht zuletzt die Kampagne »Fußballfans gegen Homophobie« hat Bemerkenswertes geleistet, doch sind in vielen Kurven homophobe Beschimpfungen gegnerischer Fans oder Spieler_innen noch immer trauriger Alltag. Selbst wenn es wie in manchen Fällen nur eine Minderheit ist, die sich dergestalt äußert, so reicht das noch immer aus, ein Klima der Angst und der zumindest latenten Homophobie zu schaffen, und für jedes Bremen oder Mainz, wo sich große Teile der Fanszenen aktiv gegen Homophobie positionieren gibt es auch mindestens ein Dortmund, Halle oder Rostock, wo es schon beinahe eine Schlagzeile wert ist, wenn ein Spiel mal ohne menschenfeindliche Kackscheiße vonstatten geht.

Das wahre Problem scheint mittlerweile jedoch nicht mehr in den Köpfen in der Kurve zu liegen, sondern viel mehr in dem schier unglaublichen Lechzen der Medien nach dem ersten Outing. Erwartungen, dass wer auch immer sich als erstes outet oder geoutet wird bis auf weiteres vor lauter Interviewanfragen und Talkshoweinladungen nicht mehr zum trainieren kommen wird, sind durchaus realistisch. Der erste offen schwule Fußballprofi liefe wohl oder über Gefahr an der wohlwollenden Umarmung der total toleranten Medien zu ersticken.

Überhaupt ist der Begriff der Toleranz ein problematischer und dass allerorten nach Toleranz geschrien wird ist durchaus Teil des Problems. Toleranz nämlich bedeutet nichts anderes als das Anderssein der Anderen mehr oder weniger wohlwollend hinzunehmen und zu ertragen. Dass das Anderssein dabei auch gleichzeitig als gleichwertig akzeptiert wird, ist damit keineswegs gesagt. Toleranz alleine wird daher niemals wirklich genug sein. Was hingegen tatsächlich helfen würde wäre Respekt im Sinne von Achtung. Wer nämlich sein Gegenüber respektiert so wie er_sie ist wird ihn_sie auch nicht für die Auflage oder für die Quote ins Scheinwerferlicht zerren ohne Rücksicht auf die individuellen Folgen, die ein solcher Medienoverkill haben kann und würde. Ein solcher Respekt gegenüber homosexuellen Fußballprofis scheint aktuell nicht gerade wahrscheinlich. Immerhin wird er auch sonst von kaum jemandem kaum jemand anderem entgegengebracht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Solidarität und Respekt – so es sie jemals gab – weitgehend durch Konkurrenz und Argwohn ersetzt worden sind, in der die Vereinzelung der Großstadt auf den Normierungszwang der nationalen Dorfgemeinschaft trifft und in der »fremd« und »anders« für viele noch immer Synonyme für »feindlich« und »gefährlich« sind.

Solange für einen großen Teil der Bevölkerung Mesut Özil spätestens nach einem Spiel doch bloß wieder »der Türke« ist und die weibliche DFB-Auswahl »gar nicht mal schlecht« spielt »dafür dass sie nur Frauen sind«, solange wird auch ein schwuler Bundesligaprofi immer und immer wieder auf sein Schwulsein zurückgeworfen werden – ganz einfach weil es in dieser Gesellschaft keinerlei Kultur des Respekts gegenüber dem Anderssein gibt. Das »ohne Angst verschieden Sein«, von dem Adorno einst träumte, scheint leider noch immer nicht in greifbarer Nähe. Ein einzelnes Interview oder auch das kollektive Outing von zwei Dutzend Profifußballer_innen können und werden daran leider bei allem guten Willen nichts dran ändern können. Die Kritik und die Veränderungen müssen viel grundlegender sein, aber das von einem Niersbach oder einem Hoeneß zu erwarten, wäre wohl wie den Papst zum CSD einzuladen,

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Ein Kommentar

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