Die dritte Glatze vom Kiez


Nach dem bisherigen Saisonverlauf für den FC St. Pauli, der in der Vorsaison immerhin vierter wurde, war die Entlassung von Trainer André Schubert am Ende einfach nur noch folgerichtig. Platz 13 und nur sechs Punkte aus sieben Spielen waren einfach zu wenig. Dazu noch die desaströse Heimniederlage gegen Aufsteiger Aalen. Der Verein musste hier einfach die Notbremse ziehen, zumal der Trainer ja nach seiner Fast-Entlassung zum Ende der letzten Saison ohnehin unter verschärfter Beobachtung stand und bei allen schönen Worten beinahe nur noch auf Bewährung das Training leitete.

Ob sein Nachfolger Michael Frontzeck allerdings der richtige Ersatzmann ist, steht zu bezweifeln. Zwar passt das »zeck« in seinem Namen ganz gut zum Verein und auch seine nicht vorhandene Frisur steht in direkter Tradition zu seinen zwei Amtsvorgängern, doch hat Frontzeck, der ohne Zweifel ein sehr guter Spieler gewesen ist, als Trainer bisher nicht wirklich Herausragendes geleistet. Ganz im Gegenteil liest sich dieser Abschnitt seiner Vita eher wie ein Tagebuch des Versagens. Sein erstes Engagement als Cheftrainer bei Alemannia Aachen in der Saison 2006/07 endete mit acht sieglosen Spielen zum Saisonende folgerichtig mit dem Abstieg in die 2. Bundesliga. Bei seinem zweiten Job bei Arminia Bielefeld ab 2008 konnte er den Verein immerhin eine Saison lang in der Bundesliga halten. Im Folgejahr stiegen die Ostwestfalen jedoch sang- und klanglos als Tabellenletzter ab. Frontzeck gelang dabei das Kunststück noch am vorletzten Spieltag entlassen zu werden. Ohne ihn gelang dem Team am letzten Spieltag immerhin noch ein Unentschieden gegen Hannover 96. Als er nach dann nach der Sommerpause bei seinem Heimatverein Borussia Mönchengladbach anheuerte, folgte auch hier eine durchwachsene Saison. Magere 39 Punkte reichten zwar immerhin für Platz 12, waren aber auch alles andere als berauschend. In seiner zweiten Saison bei Gladbach konnte er sich dann nur ganze fünf Spieltage auf der Bank halten. Ausgerechnet eine Heimniederlage gegen den FC St. Pauli, der dabei einen 0:1 Pausenrückstand noch in ein 2:1 drehte, brach ihm damals das Genick.

Natürlich heißt all das nicht, dass Frontzeck zwangsläufig ein schlechter Trainer sein muss und ferner sollte bedacht werden, dass St. Pauli auch seine erste Station in Liga 2 ist, wo die Uhren ja bekanntlich doch ein wenig anders ticken als im Oberhaus, doch stellt sich dennoch die Frage ob ein Trainer wie Frontzeck tatsächlich in das Konzept St. Pauli hineinpasst oder vielmehr ob es ein solches Konzept überhaupt noch gibt bzw. wie es denn wohl aussieht.

In der Tat hat nicht nur das Millerntorstadion, sondern auch die gesamte Lizenzfußballabteilung des FC St. Pauli in den letzten Jahren beinahe einen Komplettumbau erlebt. Während das Stadion einigen Misstönen zum Trotz doch mehr oder weniger gut zu gelingen scheint, vor allem aber durch die individuelle Architektur seinen besonderen Charakter bewahrt, haben die Abgänge von Präsident Littmann, Trainer Stanislawski und Sportchef Schulte, die die vergangenen Jahre des Vereins maßgeblich geprägt und den Verein aus den Tiefen von Regionalliga und Fastpleite in die Bundesliga und in finazielle ruhiges Fahrwasser geführt haben, doch eine beträchtliche Lücke geschaffen, die Orth, Azzouzi und Schubert nicht wirklich füllen konnten. Vor allem aber ist das Team massiv umgebaut worden. Von der alten Garde sind nur noch Boll, Ebbers, Kalla und Pliquett übrig geblieben und ein großer Teil der Neuzugänge wirkt nicht eben so, als wäre der FC St, Pauli ihnen eine Herzensangelegenheit. Für einen Verein, der in der Vergangenheit immer nur dann große Sprünge machen konnte, wenn er über einen eingeschworenen und eingespielten Haufen als Team verfügte, ist eine solche Entwicklung unter Umständen fatal.

Es steht außer Zweifel, dass Frontzeck sein Handwerk versteht. Andernfalls hätte er seine Fußballlehrerausbildung nicht mit Auszeichnung bestanden. Dennoch halten ihn in einer Umfrage der Hamburger Morgenpost nur etwa ein Drittel der Fans für »den richtigen Trainer« für den Verein. Aus diesen Zahlen spricht selbstredend nicht nur Skepsis Frontzeck gegenüber, sondern auch eine gewisse Grundunzufriedenheit der Fans mit dem Zustand ihres Verein und genauso eine ablehnende Haltung eines Teils der Fans gegen alle, die nicht Holger Stanislawski heißen. Wenn Frontzeck all jene, die ihn für den falschen Mann für seine Aufgabe halten, eines Besseren belehren will, täte er jedoch gut daran, diese Grundskepsis ernst zu nehmen, denn sie bezieht ihre Grundlage nicht nur aus einem plumpen »früher war alles besser«, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis der Fanszene, die sehr genau wissen, wann und wie ihr Verein erfolgreich war und wann eben nicht. Wenn Frontzeck mit dem FC St. Pauli Erfolg haben möchte, dann sollte er nicht nur das desaströse Verhalten bei Standards des gegnerischen Teams und die eklatante Abschlussschwäche angehen, sondern vor allem auch die zwischenmenschlichen Dynamiken innerhalb des Teams ganz genau analysieren und falls nötig auch hart durchgreifen und Spieler, die das soziale Gefüge der Mannschaft aus dem Lot bringen, in die Wüste schicken bzw. sie in der Winterpause auf dem Transfermarkt Umtauschen gehen.

Sollte ihm all das gelingen und sollte das Team wieder in die Erfolgsspur zurückkehren, darf sich Frontzeck jedoch bei allen Vorbehalten. Die es derzeit noch gibt, auch gewiss sein, dass der Anhang des Kiezclubs ihn in Windeseile in die Arme und Herzen schließen wird, denn in der ganzen weiten Fußballwelt gibt es wohl kaum einen Verein, bei dem Helden so schnell geboren und so innig verehrt werden wie beim FC St. Pauli. Nirgendwo sonst hätte Leo Manzi zum Publikumsliebling werden können, nirgendwo sonst hätte ein Gerald Asamoah mit nur einem einzigen Tor unsterblich werden können und nirgendwo sonst würde sich noch irgendwer an Adolphus Ofodile erinnern, nur weil er, der sonst nie wieder auch nur ein einziges Tor für den Verein machte, mal bei einem 7:1 gegen Braunschweig zwei Tore gemacht hat. Sollte Frontzeck auch nur ein bisschen Erfolg haben und sich als wenigstens halbwegs sympathisch herausstellen, wird er sicher sehr schnell von sehr vielen als »Frontzecke« in die St. Pauli-Familie aufgenommen werden. Ich persönlich hätte nichts dagegen.

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Ein Kommentar

  1. hauptsachefussball

    Eigentlich volle Zustimmung, nur eine Relativierung hätte ich da:

    Ohne jetzt ins Gegenteil verfallen und den Trainer Frontzeck hochhypen zu wollen, aber seine Gladbach-Phase war so gerade die Zeit, in der wir unsere Dokumentation „Hauptsache Fußball“ begannen und vor Ort mit vielen Gladbacher Fans und auch Verantwortlichen sprachen – und ich kann mich gut entsinnen, dass seine erste Saison in Gladbach mit Platz 12 und 39 Punkte „damals“ durchaus als sehr positiv wahrgenommen wurden. Man darf da ja nicht von der heutigen Borussia nach der letzten Saison ausgehen, sondern muss sich ins Gedächtnis rufen, dass Gladbach zu diesem Zeitpunkt gerade wieder das zweite Jahr in der Bundesliga war und dass – nach dem knappen Klassenerhalt in 08/09 – dieser Mittelfeldplatz 09/10 inklusive der Tatsache, dass man eigentlich in der gesamten Saison nichts mit dem Abstieg zu tun hatte, als der berühmte „nächste Schritt“ raus aus dem „Fahrstuhlmannschaft-Dasein“ angesehen wurde, zumal mit Reus und Hermann in diesem Jahr auch gleich zwei Nachwuchsspieler erfolgreich ins Team integriert wurden, von denen man sich für die Zukunft einiges versprach (dazu kamen noch erst Einsätze von Neustädter und Jantschke – also der Eindruck, dass da „was heranwächst“).

    Davon unbenommen bleibt natürlich der Absturz und Misserfolg im Folgejahr, in dem es dann den Trainerwechsel und den Favre-Wind brauchte, um den erneuten Abstieg zu vermeiden.

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