Always moving forward… – ACU gibt auf!


Gut zwei Tage sind vergangen seit den Ereignissen von Köln und noch immer schüttel ich unwillkürlich mit dem Kopf, wennich  daran denke, was ich dort erlebt habe. Dabei hatte alles so gut angefangen. Die rund 250 Ultras und Unterstützer_innen und unter ihnen all die bekannten Gesichter zu sehen, die von überall her angereist waren, um den Aachen Ultras (ACU) bei ihrem letzten und schwersten Gang ins Stadion solidarisch zur Seite zu stehen, war etwas, das einer_m schon Mut machen konnte. Vielleicht ist so etwas wie ein besserer Fußball, eine bessere Fankultur, doch möglich…

Doch dann kam das Spiel und dann kamen die Rufe und Gesänge von der Karlsbande, von den Hools und von den ganz normalen Alemannia-Fans. Es waren nur Einzelne, die die Auswechselspieler von Viktoria Köln ausdauernd sexistisch und homophob beschimpften, aber es waren Hunderte, die abwertend von Köln als „Hauptstadt der Schwulen“ sangen und die „Hurensöhne“ riefen, und es war auf weiter Flur niemand zu sehen, der_die sich ihnen entgegen stellte. Wer mit diesem menschenfeindlichen Konsens nicht zurechtkommt, ihn nicht mittragen will, aber dennoch zur Alemannia geht, steht nebenan im anderen Block bei ACU. Wie viele schon vor langer Zeit aufgegeben haben und einfach gar nicht erst mehr ins Stadion gehen, lässt sich nur erahnen. Die Mehrheit jedoch schweigt schlicht und ergreifend.

Wer schweigt stimmt zu, heißt es irgendwo, und die Aachener Fanszene schweigt in weiten Teilen, wenn sie nicht selbst aktiver Teil des Problems ist. Auch der Verein tut fast nichts, um den herrschenden rechten bis rechtsoffenen Konsens zu brechen – wahrscheinlich aus der berechtigten Angst, einen Großteil des Anhangs zu verlieren, wenn er gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie tatsächlich so engagiert vorgehen würde, wie er gerne behauptet und der DFB es eigentlich auch verlangt. Wenn Antidiskriminierungsrichtlinien konsequent umgesetzt werden würden und die Abwertung anderer Menschen als schwerwiegender oder wenigstens genauso schwerwiegend angesehen werden würde wie Pyrotechnik, dann hätten alleine nach diesem Spiel in Köln mehrere Hundert Anhänger_innen der Alemannia ein mehrjähriges bundesweites Stadionverbot bekommen müssen – und das lange bevor sie auch noch anfingen Böller auf ACU zu werfen…

Es ist schockiert, ja fast verstörend, was in Aachen als „zu links“ gesehen wird. Gemessen an dem nach außen kommunizierten Politikverständnis der Alemannia und ihrer Fanszene dürfte selbst die CDU zeitweise nur knapp am Verdacht des Kommunismus vorbeischrammen, denn was von ACU und deren Unterstützer_innen gefordert wird, ist in den allermeisten Fällen nicht mehr und nicht weniger als die Einhaltung geltender Andiskriminierungsgesetze und die Gewährung der im Grundgesetz festgehaltenen Rechte auf Unverletzlichkeit der menschlichen Würde und körperliche Unversehrtheit. Wenn nicht einmal darüber Konsens herrschen kann, dann ist es wahrscheinlich wirklich für jegliche positive Intervention zu spät.

Doch offensichtlich ist genau das der Fall. Ein Großteil – augenscheinlich die Mehrheit – der organisierten Fans von Alemannia Aachen haben offensichtlich weniger Probleme damit, mit aktiven Nazikadern, rechten Hooligans und rechtsoffenen Ultras in der Kurve zu stehen, als damit, das Stadion mit vielleicht zweihundert Menschen zu teilen, die sich diesem Konsens nicht anschließen wollen. Nächtliche „Hausbesuche“, Drohanrufe, Gewaltandrohungen in und ums Stadion und natürlich auch ganz klassische echte physische Gewalt in Form von fliegenden Flaschen, Schlägen und Tritten – all das scheint in Aachen als weniger gravierend angesehen zu werden als Antirassismus oder Engagement gegen Homophobie. Wenn Menschen es wirklich als wichtiger ansehen, dass sie selbst andere sexistisch beleidigen können, als dass es allen möglich ist, angstfrei in ein Fußballstadion zu gehen – und genau das gilt für einen großen Teil der Aachener Fans – dann braucht es mehr als eine kleine progressive Ultragruppe, um daran etwas zu ändern. Traurig, aber wahr…

Mit seinen Fans, wie sie sind, und der Vereinsführung, wie sie ist, hat Alemannia Aachen weder im Profifußball und eigentlich auch überall sonst nichts verloren. Ausgenommen vielleicht den Mülleimer der Geschichte oder die Schulbank in der Nachholklasse für den Grundkurs „Menschenrechte und Demokratie“. Dass ich mir mit derlei  Minimalforderungen mal derart radikal vorkommen würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen…

Doch wo ein Trainer nach dem Spiel sagt, es sei ihm egal, wenn sich die eigenen Fans untereinander angreifen, wo die Mannschaft sich nur bei denen bedankt, die andere Fans mit Böllern beworfen haben und das gegnerische Team in menschenverachtender Weise beleidigt haben und wo der Verein schließlich eine Stellungnahme veröffentlicht, aus der keinerlei Empathie, Problembewusstsein oder Fähigkeit zur Selbstkritik spricht, wird wohl offenbar selbst das Grundgesetz zum antifaschistischen Pamphlet.

Wenn es nur noch um Fußball geht, ist halt alles vorbei, dann war alles umsonst, denn Fußball ist Teil der Gesellschaft und muss als solcher auch soziale Verantwortung übernehmen. Wenn sich unter den eigenen Fans gleich reihenweise Nazis, Rassist_innen und rechte Schläger_innen finden, dann ist das ein Problem, dem sich gestellt werden muss. Alemannia Aachen dagegen scheint das Problem schon immer und immer noch eher bei denjenigen verortet zu haben, die dieses Problem öffentlich thematisiert haben. Aber die sind jetzt ja weg und der Verein kann wieder ungestört in seinem dreckig-braunen Sud aus Selbstmitleid und Schicksalsgemeinschaft schmoren. Die Nestbeschmutzer_innen sind raus aus dem Stadion und die Alemannia-Familie kann sich wieder fleißig gegenseitig auf die Schulter klopfen und so tun, als wäre nichts gewesen. Sie hat es ehrlich gesagt auch nicht mehr anders verdient.

Vielen Dank ACU und Umfeld für’s Versuchen! Macht euch nichts draus! Diesen Kampf gegen das geballte, Verein gewordene Nicht-Sehen-Wollen und Nichts-Gesehen-Haben, das sich Alemannia Aachen nennt, konntet ihr nur verlieren. Macht’s gut und passt auf euch auf. Ohne euch ist Fußball noch ein bisschen beschissener als ohnehin schon…

alwaysmovingforward-kl

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8 Kommentare

  1. Insider

    Bezüglich: „Es ist schockiert, ja fast verstörend, was in Aachen als „zu links“ gesehen wird. Gemessen an dem nach außen kommunizierten Politikverständnis der Alemannia und ihrer Fanszene dürfte selbst die CDU zeitweise nur knapp am Verdacht des Kommunismus vorbeischrammen“

    Bei einigen Gesprächen zwischen Stadt und Verein hat tatsächlich der CDU-Oberbürgermeister durchaus im Sinne der ACU geredet. Aber der Mann ist ja auch Demokrat.

  2. Günther1896

    Eigentlich unvorstellbar, was Euch in Aachen da wiederfahren musste. Es gibt so viele Aspekte, die man mit dem Fernblick auf Eure Szene nicht für wahrhaft halten kann!
    Ich möchte dir und der ehemaligen ACU meine Solidarität und mein Verständnis aussprechen für eine stets konsequent richtige Haltung! Ihr habt euch nichts zu Schulden kommen lassen und ein Verein wie Alemania Aachen hat augenscheinlich solche Fans nicht verdient!
    Wenn sich ein Verein und die Mannschaft mit der Gruppe und den Menschen solidarisiert, die sie aus dem Stadion verbieten lassen wollten, dann fehlen einen zum einen die Worte, zum anderen aber auch der Glaube an Gerechtigkeit im Fussball.

    Solidarische Grüsse aus Hannover!

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  5. TS-Chris

    Tach, nirgends (!) habe ich seit dem Spiel in Köln eine dermaßen zutreffende, sachliche und überzeugendere Meinung (bzw einen entsprechenden Kommentar) gelesen als in Deinem Blog! Dieser Text sollte als Basis für eine mögliche Aufarbeitung der Geschehnisse rund um den Rückzug der ACU bei den Offiziellen von Alemania Aachen genutzt werden. Das dies nicht geschehen wird ist mir natürlich klar. Leider. Genauso wenig wie viele Fußball-Fans, PolitikerInnen und Funktionäre NIEMALS die Erläuterung begreifen wollen/können/werden, was die Grundforderungen der ACU mit einer angeblichen linksextremen Gesinnung zu tun haben. Whatever, ich persönlich sehe die Zukunft noch schwärzer als Martin „Endi“ Endemann (schön Gruß!) von BAFF. Dei allermeisten Vereine werden niemals die erforderlichen Konsequenzen umsetzen, um Nazis und Rassisten sowie deren Parolen aus den Stadien zu verbannen. Das würde zu hohen finanziellen Einbußen führen. Viel zu hohe, um konsequent dieses braune Dreckspack dauerhaft „draußen zu lassen“.

  6. Pingback: 12.01.2013 | Aachen Ultras « Fußballfans gegen Homophobie
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