Kein Derbyfieber in Berlin


Angeblich ist ja die ganze Hauptstadt seit Tagen oder gar Wochen im Derbyfieber. Irgendwie scheint das aber ein Großteil der Stadt nicht mitbekommen haben. Ohnehin ist Fußball in Berlin etwas, was die Stadt weder elektrisiert noch großartig interessiert. Natürlich gibt es Zehntausende Fans von Hertha und Union, und auch der BFC, TeBe und Babelsberg haben durchaus erwähnenswerte Fanszenen, doch interessiert sich das Gros der über drei Millionen Menschen hier für keinen der Vereine so richtig, und die Fußballkneipen sind zumindest in der Innenstadt eher dann am vollsten, wenn Barcelona gegen Real spielt oder der FC Bayern gegen Borussia Dortmund.

Das mondäne Berlin steht halt eher auf guten Fußball und den gibt es hier vor Ort schon seit vielen Jahren nicht mehr. An den ausgefransten Rändern der Stadt, wo Berlin fließend in Brandenburg übergeht, mag das anders aussehen. Dort gibt es sie wahrscheinlich wirklich die eingefleischten Herthaner_innen und die eisernen Unioner_innen. In Kreuzberg, Mitte oder Friedrichshain deutet jedoch auch am großen Derbytag absolut gar nichts darauf hin, dass hier heute nahezu 75.000 Menschen in eines der hässlichsten Stadien der Welt fahren und Zweitligafußball schauen werden. Hier gehen die Leute einkaufen oder sonstwas, und um 20.15 Uhr gucken sie wahrscheinlich die Simpsons und nicht Sport 1.

Fußball in Berlin oder besser gesagt die Fanszenen der großen Berliner Vereine sind vor allen Dingen eine Sache des White Trash. Das wird auch offensichtlich, wenn mensch am Tag des Derbys zum Bahnhof Zoo fährt, wo sich beide Szenen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt zur gemeinsamen Anreise in Richtung Reichssportfeld versammelt haben. Zwar tragen die einen Blau und die anderen Rot, aber das Sozial- und auch das sonstige Verhalten gleicht sich nahezu wie ein Ei dem anderen. Auf beiden Seiten gibt es Böller und Pyros, auf beiden Seiten werden zu den gleichen Melodien meist ähnliche Texte gegröhlt und auf beiden Seiten werden unglaubliche Mengen von Alkohol vernichtet, als gäbe es im Olympiastadion eine Mindestpromillegrenze.

Was jetzt so toll daran ist, sich mehrere Stunden lang in der hässlichen City Westberlins bei Minusgraden die Beine in den Bauch zu stehen, wenn mensch doch ohnehin schon später am Abend mehr als genug Zeit in der Kälte verbringen muss, erschließt sich mir nicht so ganz. Wahrscheinlich hat es was mit Gemeinschaftsgefühl zu tun. Vielleicht auch nur mit Langeweile. Überhaupt wirkt das Ganze arg aufgebauscht. Zu Vorwendezeiten waren die Fans beider Vereine sogar befreundet und bis zum ersten Pflichtspielderby vor rund vier Jahren war die Rivalität mehr oder minder gleich Null. Warum das alles plötzlich zum bitterheißen Derby hochstilisiert werden muss und vor allem warum manche Leute den Quatsch auch noch glauben und ernst nehmen ist mir schleierhaft.

Derbys leben auch von Tradition und Geschichte, von lange anhaltender Rivalität, von über Generationen hinweg tradierten Legenden. All das gibt es bei Hertha gegen Union nicht mal im Ansatz. Das einzige Derby, das in Berlin wirklich eines wäre, wäre das zwischen Union und dem BFC Dynamo. Alles andere ist entweder ein guter Witz – wie jüngst bei TeBe gegen Blau-Weiss – oder ein schlechter – wie das hier und heute.

Dabei war zumindest der Mob der Unioner_innen wirklich beachtlich anzusehen, als er vom Breitscheidplatz zum Zoo zog. Mir persönlich gefiel das Dutzend Fans von TeBe, das sich im KaDeWe zum Champagner Trinken getroffen hatte, jedoch um Klassen besser. Irgendwie schienen sie mir die einzigen zu sein, die dem ganzen Trubel genau das richtige Maß an Aufmerksamkeit schenkten – nämlich gar keine.

jntlv-berlinderby

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Ein Kommentar

  1. Pingback: Kein Derbyfieber in Berlin « jan tölva

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