Es gibt ein Leben nach dem Sicherheitskonzept


Als kleinen Service für all die Fans und Ultras, die nach dem Abnicken des neuen Sicherheitskonzepts der DFL nicht mehr so richtig Bock auf Bundesligafußball haben, hier mal ein paar Ausgehtipps ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Höherklassigen Sport gibt es ja nicht nur beim Männerfußball…

Frauenfußball von der Regionalliga aufwärts gibt es zum Beispiel beim FC Bayern München, Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt, dem Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach, dem SC Freiburg, dem SV Werder Bremen, der TSG 1899 Hoffenheim, Union Berlin, Erzgebirge Aue und dem VfL Bochum. Dazu käme dann noch der 1. FC Lübars als Kooperationspartner von Hertha BSC Berlin.

Im Männerhandball gibt es immerhin den Hamburger SV in der Bundesliga, danach aber lange nichts. Beim Frauenhandball dagegen hätten wir am 3. Liga aufwärts Borussia Dortmund, den FSV Mainz 05, den SV Werder Bremen und den 1. FC Köln.

Im Basketball der Männer spielt ja bekanntlich der FC Bayern mittlerweile auch in der Bundesliga, aber zwei Ligen darunter findet sich auch noch Bayer Leverkusen mit seinen Giants und Schalke 04 spielt immerhin in der Regionalliga. Im Frauenbasketball sind die Fußballbundesligisten allerdings fast schon erschreckend abwesend.

Die Fans der restlichen Vereine werden sich wohl leider mit Breitensport begnügen oder aber »fremdgehen« müssen.

Den Fans des VfB Stuttgart könnten, wenn sie wollten, zum Beispiel auch zum Allianz MTV Stuttgart in der Frauenbundesliga im Volleyball gehen oder zu den Stuttgart Scorpions im American Football der Männer, die in der GFL Süd spielen. Dass die Stuttgarter Kickers im Hockey ganz weit vorne sind, dürfte für sie dagegen kein Trost sein.

Die Anhänger_innen von Hannover 96 könnten sich bei den Hannover Scorpions immerhin mit Bundesliga-Eishockey der Männer die Zeit vertreiben. Ich persönlich würde ja aber Rugby bevorzugen, der in der Leinestadt mit dem DSC Hannover 78, dem SC Germania List und dem TSV Victoria Linden gleich dreimal in der Männerbundesliga vertreten ist. Germania List spielt zudem auch noch bei den Frauen erstklassig.

In Nürnberg gibt es mit den Ice Tigers einen Verein in der DEL, der zumindest einen schönen Namen hat und Düsseldorf ist mit der Düsseldorfer EG im Eishockey der Männer natürlich auch ganz weit vorn. In Augsburg wäre Schwaben Augsburg in Sachen Fußball wenigstens in der Frauenregionalliga zu haben oder halt auch DEL mit dem Team der Augsburger Panther.

Fürth dagegen ist ein wirklich trauriger Fall. Wenn niemand von dort ins nahe Nürnberg fahren möchte – was ja verständlich wäre irgendwie – dann bleibt mit den Fürth Pirates gerade mal ein Regionalligateam im Männerbaseball. Fast genauso trostlos sieht es in Kaiserslautern aus, wo mit den Pikes gerade mal ein Zweitligateam im American Football der Männer und mit dem 1. TKC noch eines im Tipp Kick.

Braunschweig dagegen ist nicht nur auf dem besten Weg in die Bundesliga im Männerfußball, die Stadt hat auch mit den New Yorker Lions ein Team in der GFL und mit den New Yorker Phantoms eines in der Basketballbundesliga der Männer.

Cottbus hätte Lacrosse-Bundesliga der Männer zu bieten mit den Cottbus Cannibals und zweite Liga American Football der Männer mit den Cottbus Crayfish, die jetzt wirklich mal einen Spitzennamen haben. Im Handball der Männer gibt es mit dem LHC immerhin die 3. Liga zu bestaunen.

Beim FSV Frankfurt wäre wohl am naheligendsten einfach mit dem 1. FFC Frankfurt eines der besten Frauenteams des gesamten Fußballwelt zu supporten, aber auch die Fraport Skyliners in der Basketballbundesliga der Männer sind trotz ihres Namens einen Versuch wert.

Auch in Duisburg bietet sich Frauenfußball förmlich an, denn der FCR 2001 Duisburg ist trotz durchwachsener Saison nach wie vor eine gute Adresse, auf jeden Fall klingt das eher nach Spitzensport als drittklassiges Eishockey der Männer bei den Füchsen oder drittklassiger Männerhandball beim OSC Rheinhausen.

In Ingolstadt ist wohl das DEL-Team des ERC Ingolstadt die beste Adresse jenseits des Fußballs. Alles andere läuft allerdings dann auch wirklich unter ferner liefen.

Die Fans von 1860 München hingegen hätten mit den Munich Cowboys in der GFL, dem EHC Red Bull München in der DEL, der allerdings aufgrund des Sponsoren wohl ausscheiden dürfte, und dem Münchner SC im Hallenhockey der Männer immerhin drei Erstligateams in Prestigesportarten zu Auswahl, die nicht »FC Bayern« heißen.

Ganz anders sieht es da schon in Aalen aus, wo 3. Liga Männervolleyball in Form von DJK Aalen schon das höchste der Gefühle ist. Auch Sandhausen ist mit dem Zweitligateam im Frauenbasketball, das die TG 1889 Sandhausen als Aushängeschild jenseits des Fußballs zu bieten hat, nicht gerade ein Sportmekka.

Paderborn hat neben einem eher farblosen Fußballverein immerhin noch hochklassiges Golf und Squash zu bieten und mit den Untouchables dazu noch ein überaus erfolgreiches Baseballteam mit unschlagbar geilem Namen. Die Paderborn Baskets in der 2. Bundesliga der Männer sind sicher auch einen Besuch wert.

Ob die Regensburg Legionäre mit ihrem Namen dagegen irgendwen groß begeistern können ist trotz Baseball auf Bundesliganiveau eher fraghaft. Dann vielleicht doch lieber Drittligahandball der Frauen beim TSV Haunstetten.

Beim FC St. Pauli schließlich gäbe es in der Sportstadt Hamburg eigentlich jede Menge Angebote, aber für die meisten Fans dürften weder die Freezers noch die großen Hockeyvereine, die alle irgendwie nach HSV riechen, in Frage kommen. Wahrscheinlich bleiben da abgesehen vom HC St. Pauli, der in Sachen Hockey in diversen Ligen sein Unwesen treibt, nur die anderen Abteilungen des eigenen Vereins. Aber immerhin sind ja sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen die Rugbyteams des FC in der Bundesliga vertreten. Im Blindenfußball spielt der FC ebenfalls in der obersten Spielklasse und beim Handball gibt es immerhin Männer-Oberliga und Frauen-Landesliga.

Es gibt also tatsächlich ein Leben nach dem Sicherheitskonzept. Auch wenn das für viele wohl ein eher schwacher Trost sein wird…

Advertisements

Nazischeiße im Chemnitzblock

Beim Drittligaspiel am Samstag zwischen dem SV Babelsberg 03 und dem Chemnitzer FC, bei dem auch eine Bande der Kampagne Fußballfans gegen Homophobie eingeweiht wurde, kam es von Teilen des Chemnitzer Anhangs mehrfach zu rassistischen und extrem rechten Äußerungen. Neben Sprüchen wie »Arbeit macht frei – Babelsberg 03«, der klar auf das Vernichtungslager Auschwitz verweist, und »Antifa Ha Ha Ha« kam es auch zu einzelnen rassistischen Rufen gegen den Babelsberger Spieler Assimiou Touré. Gerade in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden, in dem die Chemnitzer Kurve aus Protest gegen das DFL-Sicherheitspapier einen Stimmungsboykott durchführte, waren diese Rufe immer wieder laut und deutlich zu vernehmen. Urheber_innen des Ganzen waren überwiegend schwer alkoholisierte Männer mittleren Alters, die augenscheinlich weder den Ultras noch den Hooligans zuzurechnen sind. Es handelte sich viel mehr um »ganz normale Fans«. Einer dieser Fans entledigte sich auch zeitweilig seiner weißen Trainingsjacke und präsentierte offen sein DFB-Trikot mit der Rückennummer 88, dem üblichen Szenecode für »Heil Hitler«.

jntlv-chemnitz88

Rechte Scheiße im Eintracht-Stadion


Beim Zweitligaspiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem FC St. Pauli am Mittwoch wurden auf Seiten der Eintracht-Fans erneut mehrere eindeutig der rechten Szene zuzurechnende Kleidungsstücke gesichtet. Unter anderem zu sehen gab es, wie hier exemplarisch per Foto dokumentiert, einen Schal mit Reichskriegsflagge zu sehen.

Besonders interessant ist jedoch, dass die »Dogs BS« sich selbst auf einem Foto auf ihrem Blog mit »Thor Steinar«-Mütze und »Deutschland gegen St. Pauli«-Schal inklusive Eisernem Kreuz präsentieren. Interessant ist das vor allem deshalb, weil die »Dogs BS«, wie auch der Header des Blogs nahelegt, quasi identisch mit den »Nord Power Dogs« sind. Ein Banner der Gruppe war in der Saison 2008/09 auf Initiative von Verein und Fanprojekt verboten worden, was Mitglieder der Gruppe aber offensichtlich nicht daran hindert, ihre rechte Weltsicht weiter offen zur Schau zu stellen.

Auch dürfte spätestens jetzt klar sein, dass die Gruppe, die regelmäßig Fotos und Berichte von Besuchen der Heimspiele der Eintracht veröffentlicht, nicht, wie FanPressesprecher Robin Koppelmann in einem Leserbrief an die taz behauptet hatte, »auf Betreiben der Fans selbst aus dem Stadion entfernt« worden ist. Hätte Koppelmann auch nur ein einziges Mal eine der gängigen Suchmaschinen im Internet benutzt, hätte ihm eigentlich auffallen müssen, dass das, was er da sagt, eigentlich nur Quatsch sein kann. Dass die Gruppe jetzt nur noch im Internet und nicht mehr im Stadion mit einem Namen auftauchen, der sich NPD abkürzt, macht die Sache ja nun wirklich nur unwesentlich besser.

Es ist wahr, dasa sich Ähnliches in vielen Kurven in unschöner Regelmäßigkeit beobachten lässt, aber das kann und darf hierbei weder Erklärung noch Ausrede sein. Gerade ein Verein wie Eintracht Braunschweig, der aktuell aufgrund des Rechtsdralls von Teilen seiner Fanszene im öffentlichen Fokus steht, sollte hier eigentlich ein erhöhtes Problembewusstsein haben. Aber vielleicht kommt das ja noch…

[Quelle Foto: privat]

Rechte Provokation in der Europa League


Beim Europa League-Spiel zwischen Viktoria Plzen und Hapoel Tel Aviv am Mittwoch kam es zu Beginn der zweiten Hälfte des rein sportlich gesehen unterdurchschnittlichen Spiels zu einer Provokation seitens des Anhangs des gastgebenden Vereins. Im Block direkt hinter dem Tor wurde ein Banner entrollt, auf dem »Better Dead Than Red« zu lesen und ein Strichmännchen, das einen roten Stern in einen Mülleimer wirft zu sehen war.

Die Fans von Viktoria – dem Block nach zu urteilen handelt es sich um die Ultras – nehmen dabei offenbar einerseits Bezug auf das Motto der Hapoel Ultras »Red or Dead« Bezug, greifen andererseits aber auch das dezidiert linke Image des als Arbeiter_innenvereins gegründeten Clubs aus Tel Aviv auf. Das von ihnen verwendete Piktogramm macht dabei ganz klar, dass es ihnen keineswegs bloß um die Vereinsfarben Hapoels geht. Es ist eine ganz klare und politische Äußerung gegen Links. Dass wer so handelt sich politisch eindeutig rechts verortet liegt auf der Hand.

Es ist nicht das erste Mal, dass Viktoria in letzter Zeit negativ auffällt. Erst vor weniger als zwei Monaten waren sechs Spieler des Vereins als Models bei einer Modenschau der rechten Modemarke »Thor Steinar« aufgetreten. Zwar distanzierte sich Viktoria damals halbherzig von dem Vorfall, doch gab Tomáš Marek, der die Marke in Tschechien vertreibt und nebenher Medienberichten zufolge auch noch Mitglied der Neonaziband »Combat 88« ist, zu Protokoll, es gäbe bereits seit Jahresbeginn eine Zusammenarbeit mit dem Verein.

Zumindest bis jetzt scheinen Verein und Verband auf den Vorfall nicht reagiert zu haben. Wahrscheinlich interessiert es dort aber auch niemanden, weil den Verantwortlichen nicht bewusst ist, dass ein solches Banner Ausdruck eines reaktionären Weltbildes ist, zu dem auch Rassismus, Homophobie und generell die Ablehnung aller, die als »Andere« kategorisiert werden, untrennbar dazu gehören. Wer gegen Diskriminierung und gegen Rechtsextremismus ist, kann und darf auch zu so etwas nicht schweigen.

Männersportmetropole Berlin


Berlin ist ohne Zweifel eine der derzeit angesagtesten Städte der Welt. Das schlägt sich nicht nur in einem überhitzten Wohnungsmarkt wieder, es zeigt sich auch in den Heerscharen junger, hipper Tourist_innen, die sich hier Tag und Nacht durch die Straßen, Geschäfte und Clubs schieben. All das ist Berlin, der Stadt, die sich selbst als »arm, aber sexy« bezeichnet, jedoch nicht genug. Berlin will mehr sein – unter anderem jetzt auch »Sportmetropole«.

In einer aufwendig inszenierten Kampagne wirbt die Stadt derzeit auf Plakaten für die zahlreichen sportlichen Highlights, die sie zu bieten hat. Bei all dem großen Auftrumpfen haben sich jedoch ein paar Schönheitsfehler eingeschlichen. Nicht nur ist die Hertha pünktlich zur Kampagne abgestiegen, auch Alba, immerhin amtierender Vizemeister, ist bereits im Viertelfinale der Play Offs rausgeflogen. Das ist jedoch beides relativ egal, denn der wirkliche Fehler liegt anderswo.

Der wirkliche Fehler liegt darin, dass es mal wieder nur um Männersport geht. Natürlich ist es wahr, dass Männersport mehr Menschen in die Stadien, Hallen und Arenen lockt als Frauensport, doch liegt die Vermutung nahe, dass das auch an Kampagnen wieder dieser liegt, die die Existenz von Frauensport komplett ignorieren. Eigentlich würde es sogar nahe liegen genau hier anzusetzen und für den Besuch der Spiele der Frauenligen zu werben, statt einmal mehr die ohnehin schon bis über beide Ohren gesponserten Männerteams zu umschwärmen.

Dabei hat Berlin gerade auch im Bereich Frauenteams eine Menge zu bieten. Im Volleyball spielen mit dem Köpenicker SC und dem Zurich Team VCO Berlin gleich zwei Teams in der Bundesliga. Im Eishockey spielen Eisladies des OSC Berlin ebenfalls erstklassig. Dasselbe gilt für die SG Neukölln im Wasserball, VFK 01 Berlin im Faustball und die SG Berlin im Rugby. Im Feldhockey kam der Berliner HC in der vergangenen Saison ins Halbfinale der Meisterschaft. Die Berlin Kobra Ladies sind im Amarican Football sogar amtierende Deutsche Meister_innen. Im Basketball gibt es mit dem ASV Moabit immerhin ein Zweitligateam und auch im Handball sind die Frauen der Füchse gerade in die zweite Liga aufgestiegen.

Bei der Deutschen Lieblingssport Fußball müssen sich die Frauen in Berlin ebenfalls nicht hinter den Männern verstecken, denn, selbst wenn wir mal kurz vergessen, dass mit Turbine Potsdam das beste Team der Republik quasi vor der Haustür der Hauptstadt spielt, hat Berlin selbst mit Blau-Weiss Hohen Neuendorf und dem 1. FC Lübars bei den Frauen immerhin genauso viele Zweitligateams zu bieten wie bei den Männern.

Doch all das wird ohnehin keine_n interessieren, denn gegen das Patriarchat Argumentieren ist wie Wände Anschreien. Im Endeffekt wird ohnehin mit den Füßen abgestimmt. Wir sehen uns im Stadion.

[Sportmetropole Berlin]

Rassismus bei Berliner AK gegen LOK Leipzig

Bereits am 6. Oktober kam es beim Spiel zwischen dem Berliner AK und Lokomotive Leipzig in der Oberliga Nordost zu einigen rassistischen Vorfällen. Gegen Ende der ersten Halbzeit stimmte ein Teil des LOK-Anhangs im Gästeblock des Poststadions wiederholt rassistische Gesänge an, die sich allesamt auf den türkischen bzw. muslimischen Background des gastgebenden Vereins bezogen. Gesungen wurde unter anderem »Wir essen Schweine und ihr nicht«, »Ihr seid nur Dönerverkäufer« sowie der unten als Video festgehaltene »Klassiker«, der die Namen türkischer Traditionsvereine auflistet und in der Aussage »Wir hassen die Türkei« gipfelt.

Es ist festzuhalten, dass nicht der gesamte Anhang von LOK sich an diesen Rufen beteiligte. Doch auch wenn nur ein Teil des Fanblocks an den Gesängen beteiligt war, geht auch das natürlich entschieden zu weit und muss in aller Schärfe kritisiert werden. Für Rassismus darf im Fußball kein Platz sein.

Interview mit Ultras Braunschweig


Rein sportlich gesehen könnte es in Braunschweig gerade kaum besser laufen. In der Fanszene jedoch brodelt es mal wieder. Auslöser – wenn auch nicht Ursache – waren zum einen die Veröffentlichung der »kurvenlage«-Broschüre, die über rechte Umtriebe in der Fanszene der Eintracht aufklärt, durch eine antifaschistische Initiative, zum anderen und vor allem aber auch die erstmalige Rückkehr der Gruppe Ultras Braunschweig ins Stadion zum Heimspiel gegen Bochum am 6. Oktober. Neben einer »Ultras Curva Nord«-Zaunfahne wurde von den etwa 90 Mitgliedern und Sympathisant_innen der Gruppe im Block 15 der Nordkurve auch eine »Keine Eintracht mit Nazis«-Spruchband gezeigt. Damit stießen sie nicht nur beim rechtsoffenen Teil der Fanszene auf wenig Gegenliebe, auch Vertreter_innen des Vereins äußerten in einem schriftlichen Statement, sie würde es nicht zulassen, »dass wir in einer sportlich außerordentlich erfolgreichen Zeit von einer Gruppierung mit Unterstützung aus anderen Städten als politische Plattform missbraucht werden.« Wie so oft wird das Problem also nicht bei sich selbst oder bei den Rassist_innen und Nazis im eigenen Nest gesucht, sondern bei denen die auf die Missstände hinweisen. Um der Gruppe Ultras Braunschweig die Möglichkeit zu geben, ihre Sicht der Dinge publik zu machen, gibt es an dieser Stelle ein Interview mit einem Mitglied der Gruppe:

Was war es für ein Gefühl nach so langer Zeit endlich wieder im Stadion zu stehen?
Der erste Gang ins Stadion als Gruppe Ultras Braunschweig war nach all den Jahren ein Wechselbad der Gefühle. Viele waren immer mal wieder vereinzelt bei Spielen gewesen, was aber mit Jagdszenen beim Heimspiel gegen den FC St. Pauli letztes Jahr einen herben Dämpfer erhielt. Es wusste also niemand so genau, was uns dort erwarten wird. Schlagen einem nur Antipathien entgegen oder gibt es die Möglichkeit wie andere Fans normal das Spiel zu verfolgen? Niemand konnte sich voll und ganz auf das Geschehen auf dem Platz konzentrieren, waren doch immer wieder uns feindlich gesinnte Personen dabei den Block zu mustern und auch schon in der Halbzeit des Spiels kam es zu einem Aufkommen von größeren Hooligan-Gruppen, die sich am Eingang zum Nachbarblock positionierten. Erst als das Tor zwischen Gegengerade und Nordkurve geschlossen wurde, wich die Anspannung teilweise, da diese Maßnahme vom Verein einen gewissen Schutz in der Situation zur Folge hatte. Außerdem haben uns Aktive aus der Fanszene mit Morddrohungen beim Betreten des Stadions »begrüßt«. Zu hören, dass man das Stadion nicht mehr lebend verlässt, motiviert einen nicht unbedingt. Durch den erfreulichen Spielverlauf war nach einiger Zeit jedoch auch eine gewisse Euphorie zu spüren. Es ist fast schon verrückt Eintracht Braunschweig wieder live zu erleben und das ganze Geschehen um sich herum wahrzunehmen. Dabei kam hinzu, dass die Stimmung im eigenen Block recht angenehm war. Es gab keine Anfeindungen von den Zuschauer_innen um uns herum, eher im Gegenteil, man fügte sich eigentlich ganz gut ein. Nur vereinzelte Versuche des Abfotografierens aus dem Innenraum und dem Nachbarblock waren negativ zu vermerken. Das Ganze kippte dann jedoch nach dem Spiel gewaltig. So mussten wir eine halbe Stunde lang im Block warten, bis die Polizei grünes Licht dazu gab uns über den Gästeblock in einen Bus zu stecken, der uns schließlich in einen anderen Stadtteil gebracht hat. Es ist unseres Wissens nach noch nie vorgekommen, dass Heimfans der Eintracht derartig das Stadion verlassen mussten und auf der Rückfahrt war die Stimmung dadurch auch etwas gedrückt.
Ich denke jede_r von uns hat gemischte Gefühle nach diesen Ereignissen, doch es zeigt auch, dass die Rechten nicht ein ganzes Stadion hinter sich haben und ihnen bewusst ist, dass ihre Vormachtstellung nicht alles überdauern kann. Positiv auch, dass mit dem Spruchband »Keine Eintracht mit Nazis« das wahrscheinlich erste Banner überhaupt gegen extrem Rechte im Stadion gezeigt werden konnte. Damit hatte ich vor vielleicht einem Jahr sicherlich auch noch nicht gerechnet.

Die Reaktionen der Anderen, also von Cattiva und Hools, waren dagegen erwartungsgemäß alles andere als positiv. Was genau ist denn von deren Seite passiert?
Da sich die Polizei etwas bedeckt hält und der Verein gar nicht auf die Ereignisse eingeht, kann ich das nur so umschreiben, wie wir es erlebt und berichtet bekommen haben. Cattiva und ihr Umfeld haben relativ schnell den Block verlassen und sich in recht großer Zahl vor den Eingang des Stadions postiert, über den wir gekommen waren und den wir auch zum Verlassen nutzen wollten. Was genau sie da versucht haben und wie weit das gezielt war, können wir schwer bewerten, uns wurde das lediglich so von den Sicherheitsmenschen übermittelt. Gleichzeitig versuchten ca. 40 Hooligans auf der anderen Seite des Stadions sich den Weg zum Gästeblock zu bahnen, von dem aus wir das Stadion verlassen sollten. Dabei kam es zu einem heftigen Ausbruch von Gewalt, wurden sie doch von der Polizei aufgehalten und begannen deswegen diese zu attackieren und mit Gegenständen zu beschmeißen. Diese Motivation unbedingt durchzubrechen, zeigt gut welcher Hass uns da entgegenschlug von deren Seite. Damit beweisen sie eigentlich nur das, was man schon vorher immer publiziert hat: Sie sind so stark in ihrem rechten Weltbild gefestigt, dass jedes noch so kleine Zeichen gegen Nazis für sie ein Grund für pure Gewalt ist. Niemand der etwas gegen Nazis hat, würde so reagieren.

Wie ist die aktuelle Lage in der gespaltenen Braunschweiger Szene generell?
Es gibt eine klare Trennung zwischen uns und den Hooligans bzw. jenen Gruppen, die sich offen mit diesen solidarisieren. Es gibt bisher keinen weiteren Fanclub, der sich öffentlich gegen Nazis im Stadion positioniert und damit uns auch etwas den Rücken stärkt. Da ist aber auch die Frage, ob die einzelnen Fans dies gar nicht wollen oder sich eher nicht trauen. Denn es ist bekannt, dass Menschen, die mit den Hooligans brechen, immer wieder Drohungen und Gewaltsituationen ausgesetzt sind. Dabei wird häufig versucht die rechte Hegemonie der Hooligans kleinzureden. Diese würden im Gegensatz zu den 80er oder 90er Jahren gar nicht mehr richtig rechts auftreten und würden ja auch niemals der Eintracht schaden und daher auch nicht zu kritisieren sein. Gleichzeitig wird versucht uns mit der Extremismustheorie zu »Linksextremen« und mindestens genauso schlimmen »Störenfrieden« zu verklären. Zusätzlich wird uns vorgeworfen, dass wir nur aus Wut auf den Verein versuchen den rechten Strukturen etwas entgegenzusetzen. Auffällig ist dabei immer wieder, dass es keine wirklichen Argumente, sondern lediglich Anschuldigungen und Anfeindungen gibt. Ein direkter Austausch existiert hingegen überhaupt nicht. Auf der einen Seite will und kann man auch mit Gruppen wie Cattiva nicht reden, solange diese sich nicht offen gegen Rechts positionieren, auf der anderen würde es bei dem Versuch von Gesprächen wohl zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen, wie die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen haben. Abgesehen davon gibt es für uns keinen Grund mit rechten Hooligans oder mit Nazis zu reden. Warum auch? Momentan ist die Situation so angespannt, dass jede_r in der Gruppe bewusst ist, dass es zu Überfällen und Angriffen kommen kann. Aber das war auch vorher klar und wir sind dieses Risiko mit Bedacht eingegangen.

Wieso die Rückkehr ins Stadion gerade jetzt? Gab es dafür einen speziellen Anlass?
Wir wären sicherlich gerne früher wieder ins Stadion zurückgekehrt. Warum wären sonst immer wieder Leute von uns auch so zu Heimspielen gegangen? Aber die Situation war nunmal so, dass wir uns nicht sicher fühlen konnten. In Zusammenarbeit mit der Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen wurde in den letzten Monaten jedoch kontinuierlich darauf hingearbeitet diesen Konflikt offenzulegen und zu zeigen, wer sich da gegen wen aus welchen Gründen stellt. Dadurch konnten wir uns auch bei anderen Akteur_innen der Stadt ein Standing erarbeiten, dass uns einen gewissen Rückhalt garantiert. Mit dem Erscheinen der Broschüre »kurvenlage« durch die Initiative schien für uns der richtigen Moment gefunden zu sein. Wir hatten uns bereits vorher das Spiel gegen Bochum auserkoren, doch durch die Veröffentlichung wurde das Ganze dann noch inhaltlich unterfüttert, da jede_r nun nachlesen kann, was das genaue Problem bei Eintracht Braunschweig ist. Wie die Reaktionen sonst gewesen wären, wissen wir nicht, doch so viel anders wären sie sicherlich nicht ausgefallen. Ob mit oder ohne Broschüre – zahlreiche rechte Angriffe fanden ohnehin in den letzten Jahren statt, wie die ausführliche Chronologie rechter Übergriffe und Aktivitäten in der Broschüre unterstreicht.

Könntest du vielleicht noch kurz etwas zu der »kurvenlage«-Broschüre erzählen. Die scheint ja eine ebenso gute wie wichtige Sache zu sein.
Die Broschüre ist von der Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen herausgegeben worden, welche uns bei dem Spielbesuch auch begleitet hat. Diese hat sich das Ziel gesetzt den rechten Konsens in Teilen der Fanszene zu brechen, da es der letzte wirkliche Rekrutierungsort für Nazis in Braunschweig ist. Dieser Konsens ist schon seit Jahrzehnten sehr gefestigt und geht zurück auf die ersten Strukturen von Hooligans in Braunschweig. Denn wenn es in Braunschweig bisher Politik im Stadion gab, dann immer nur rechte und keine emanzipatorische. Die Broschüre greift diese Vergangenheit auch auf und zeigt wie die Verbindungen von damals zu heute weiterführen. Außerdem benennt sie die aktuell führenden rechten Gruppen im Stadion bzw. in der Hooliganszene und setzt sich mit anderen Themen wie Fußball und Politik, Thor Steinar oder Rassismus im Stadion auseinander. Dass diese Punkte immens wichtig sind, zeigt der gerade stattfindende Diskurs, denn Phrasen wie »Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik« oder »Thor Steinar hat nichts mit Nazis zu tun« sind weiterhin häufig geäußerte »Argumente«.

Und wie geht es jetzt weiter bei UB’01? Seid ihr jetzt wieder regelmäßig im Stadion und vielleicht auch wieder auswärts am Start?
Tja, wenn wir das nur wüssten. Uns ist klar, dass es Kontinuität braucht, um als ein Gegengewicht gegen die rechten Positionen im Stadion zu wirken, doch ist es gleichzeitig auch so, dass wir damit Gesundheit und Privatleben aufs Spiel setzten. Die nächsten Schritte müssen wohl überdacht werden, aber uns allen ist klar, dass wir zu viel aufs Spiel gesetzt haben, um es bei einem einmaligen Auftritt im Stadion zu belassen, der wahrscheinlich mit einem Aufstieg in die Bundesliga in Vergessenheit geraten würde. Einen festen Plan mit zu schaffenden Wegmarken gibt es in der Form nicht, wir müssen die nächsten Schritte genau überdenken. Denn der Verein hat sich momentan klar gegen uns positioniert und will nicht, dass wir den sportlichen Erfolg schädigen – wie und warum auch immer wir das bewirken sollen (siehe Stellungnahme Eintracht…). Daher müssen wir schauen wie wir darauf sinnvoll reagieren können, sind wir doch vom Wegschauen und Abweisen des Vereins arg enttäuscht, wenngleich auch nicht total überrascht.

Links:

Ultras Braunschweig

Initiative gegen rechte [Hooligan-)Strukturen