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Fans in Ungarn positionieren sich gegen Rassismus

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„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, sang die Hamburger Band Kettcar irgendwann mal. In manchen gesellschaftlichen Zusammenhängen scheint aber selbst „gut gemeint“ noch um Längen besser zu sein als das, was Alltag ist. Als ein solches Beispiel könnte Ungarn gelten. Spätestens seit dem Amtsantritt der zweiten Regierung Orbán sind dort völkischer Nationalismus und die Forderung nach Revision des Vertrages von Trianon nicht nur wieder gesellschaftsfähig, sondern explizit Teil dessen, was als ganz normaler Teil des Alltagsdiskurses gilt. Das zeigt sich natürlich auch beim Fußball. Antisemitische und antiziganistische Beschimpfungen sind in den Stadien vollkommen üblich, und im Umfeld von Länderspielen der ungarischen Auswahlmannschaft kommt es fast schon regelmäßig zu von rechten Hooligans angezettelten Krawallen – zumindest wenn es gegen den Nachbarn Rumänien geht, von dessen Staatsgebiet Ungarns gesellschaftliche Rechte einen beträchtlichen Teil als „eigentlich zu Ungarn gehörend“ ansieht.

Wenn in einem solchen Kontext Fußballfans wenigstens ein Stück weit progressivere Töne anschlagen, dann grenzt das fast schon an ein Wunder. Genau das jedoch war kürzlich beim Erstligaspiel zwischen MTK Budapest und Paksi FC zu beobachten, als ein Teil der Gästefans Mitte der ersten und noch einmal zu Beginn der zweiten Halbzeit unter dem Beifall eines Teils des Heimpublikums mehrere Transparente hochhielt, auf denen – zumindest irgendwie – gegen Rassismus Stellung bezogen wurde. „Wir sind Ungarn, keine Rassisten“, hieß es auf einem der Transparente, ein anderes verwies auf das WM-Qualifiaktionsspiel gegen Rumänien im März, das auf Grund von antisemitischen Beschimpfungen bei einem Spiel gegen Israel einige Monate zuvor vor leeren Rängen hatte stattfinden müssen. „Familien in die Stadien“, forderte ein drittes Transparent, und das vierte schließlich verwies darauf, dass der Zuschauer_innenschnitt in der ungarischen Liga erschreckend niedrig ist. Ursache hiervon seien die Rassist_innen, hieß es weiter.

Zwar mag es von außen betrachtet etwas verwunderlich anmuten, dass all dies unter mehrfachem Verweis auf die ungarische Fahne und auf das eigene Ungarisch-Sein geschah, wo doch Nationalismus und Rassismus für gewöhnlich einem engen Wechselverhältnis miteinander stehen, die Aktion war jedoch – zumindest wurde sie auch von ungarischen Expert_innen auf Nachfrage so interpretiert – durchaus als Kritik an der herrschenden, von Gewalt und Diskriminierung geprägten Fankultur gemeint. Dass Diskussionen im Ungarn dieser Tage auf einer anderen Ebene und mit anderen Bezugspunkten verlaufen als beispielsweise in Deutschland, scheint einleuchtend. Gemessen an dem, was in ungarischen Stadien und Parlamenten momentan Alltag ist, ist das, was die Fans aus der Kleinstadt Paks dort gezeigt haben – und auch die positive Reaktion der Heimseite – ein durchaus positives Signal dafür, dass auch in Ungarn nicht jede Scheiße von allen anstandslos hingenommen wird. Für alles andere braucht es in Ungarn wahrscheinlich einfach noch Zeit.

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