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Rechte Scheiße im Eintracht-Stadion


Beim Zweitligaspiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem FC St. Pauli am Mittwoch wurden auf Seiten der Eintracht-Fans erneut mehrere eindeutig der rechten Szene zuzurechnende Kleidungsstücke gesichtet. Unter anderem zu sehen gab es, wie hier exemplarisch per Foto dokumentiert, einen Schal mit Reichskriegsflagge zu sehen.

Besonders interessant ist jedoch, dass die »Dogs BS« sich selbst auf einem Foto auf ihrem Blog mit »Thor Steinar«-Mütze und »Deutschland gegen St. Pauli«-Schal inklusive Eisernem Kreuz präsentieren. Interessant ist das vor allem deshalb, weil die »Dogs BS«, wie auch der Header des Blogs nahelegt, quasi identisch mit den »Nord Power Dogs« sind. Ein Banner der Gruppe war in der Saison 2008/09 auf Initiative von Verein und Fanprojekt verboten worden, was Mitglieder der Gruppe aber offensichtlich nicht daran hindert, ihre rechte Weltsicht weiter offen zur Schau zu stellen.

Auch dürfte spätestens jetzt klar sein, dass die Gruppe, die regelmäßig Fotos und Berichte von Besuchen der Heimspiele der Eintracht veröffentlicht, nicht, wie FanPressesprecher Robin Koppelmann in einem Leserbrief an die taz behauptet hatte, »auf Betreiben der Fans selbst aus dem Stadion entfernt« worden ist. Hätte Koppelmann auch nur ein einziges Mal eine der gängigen Suchmaschinen im Internet benutzt, hätte ihm eigentlich auffallen müssen, dass das, was er da sagt, eigentlich nur Quatsch sein kann. Dass die Gruppe jetzt nur noch im Internet und nicht mehr im Stadion mit einem Namen auftauchen, der sich NPD abkürzt, macht die Sache ja nun wirklich nur unwesentlich besser.

Es ist wahr, dasa sich Ähnliches in vielen Kurven in unschöner Regelmäßigkeit beobachten lässt, aber das kann und darf hierbei weder Erklärung noch Ausrede sein. Gerade ein Verein wie Eintracht Braunschweig, der aktuell aufgrund des Rechtsdralls von Teilen seiner Fanszene im öffentlichen Fokus steht, sollte hier eigentlich ein erhöhtes Problembewusstsein haben. Aber vielleicht kommt das ja noch…

[Quelle Foto: privat]

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Die dritte Glatze vom Kiez


Nach dem bisherigen Saisonverlauf für den FC St. Pauli, der in der Vorsaison immerhin vierter wurde, war die Entlassung von Trainer André Schubert am Ende einfach nur noch folgerichtig. Platz 13 und nur sechs Punkte aus sieben Spielen waren einfach zu wenig. Dazu noch die desaströse Heimniederlage gegen Aufsteiger Aalen. Der Verein musste hier einfach die Notbremse ziehen, zumal der Trainer ja nach seiner Fast-Entlassung zum Ende der letzten Saison ohnehin unter verschärfter Beobachtung stand und bei allen schönen Worten beinahe nur noch auf Bewährung das Training leitete.

Ob sein Nachfolger Michael Frontzeck allerdings der richtige Ersatzmann ist, steht zu bezweifeln. Zwar passt das »zeck« in seinem Namen ganz gut zum Verein und auch seine nicht vorhandene Frisur steht in direkter Tradition zu seinen zwei Amtsvorgängern, doch hat Frontzeck, der ohne Zweifel ein sehr guter Spieler gewesen ist, als Trainer bisher nicht wirklich Herausragendes geleistet. Ganz im Gegenteil liest sich dieser Abschnitt seiner Vita eher wie ein Tagebuch des Versagens. Sein erstes Engagement als Cheftrainer bei Alemannia Aachen in der Saison 2006/07 endete mit acht sieglosen Spielen zum Saisonende folgerichtig mit dem Abstieg in die 2. Bundesliga. Bei seinem zweiten Job bei Arminia Bielefeld ab 2008 konnte er den Verein immerhin eine Saison lang in der Bundesliga halten. Im Folgejahr stiegen die Ostwestfalen jedoch sang- und klanglos als Tabellenletzter ab. Frontzeck gelang dabei das Kunststück noch am vorletzten Spieltag entlassen zu werden. Ohne ihn gelang dem Team am letzten Spieltag immerhin noch ein Unentschieden gegen Hannover 96. Als er nach dann nach der Sommerpause bei seinem Heimatverein Borussia Mönchengladbach anheuerte, folgte auch hier eine durchwachsene Saison. Magere 39 Punkte reichten zwar immerhin für Platz 12, waren aber auch alles andere als berauschend. In seiner zweiten Saison bei Gladbach konnte er sich dann nur ganze fünf Spieltage auf der Bank halten. Ausgerechnet eine Heimniederlage gegen den FC St. Pauli, der dabei einen 0:1 Pausenrückstand noch in ein 2:1 drehte, brach ihm damals das Genick.

Natürlich heißt all das nicht, dass Frontzeck zwangsläufig ein schlechter Trainer sein muss und ferner sollte bedacht werden, dass St. Pauli auch seine erste Station in Liga 2 ist, wo die Uhren ja bekanntlich doch ein wenig anders ticken als im Oberhaus, doch stellt sich dennoch die Frage ob ein Trainer wie Frontzeck tatsächlich in das Konzept St. Pauli hineinpasst oder vielmehr ob es ein solches Konzept überhaupt noch gibt bzw. wie es denn wohl aussieht.

In der Tat hat nicht nur das Millerntorstadion, sondern auch die gesamte Lizenzfußballabteilung des FC St. Pauli in den letzten Jahren beinahe einen Komplettumbau erlebt. Während das Stadion einigen Misstönen zum Trotz doch mehr oder weniger gut zu gelingen scheint, vor allem aber durch die individuelle Architektur seinen besonderen Charakter bewahrt, haben die Abgänge von Präsident Littmann, Trainer Stanislawski und Sportchef Schulte, die die vergangenen Jahre des Vereins maßgeblich geprägt und den Verein aus den Tiefen von Regionalliga und Fastpleite in die Bundesliga und in finazielle ruhiges Fahrwasser geführt haben, doch eine beträchtliche Lücke geschaffen, die Orth, Azzouzi und Schubert nicht wirklich füllen konnten. Vor allem aber ist das Team massiv umgebaut worden. Von der alten Garde sind nur noch Boll, Ebbers, Kalla und Pliquett übrig geblieben und ein großer Teil der Neuzugänge wirkt nicht eben so, als wäre der FC St, Pauli ihnen eine Herzensangelegenheit. Für einen Verein, der in der Vergangenheit immer nur dann große Sprünge machen konnte, wenn er über einen eingeschworenen und eingespielten Haufen als Team verfügte, ist eine solche Entwicklung unter Umständen fatal.

Es steht außer Zweifel, dass Frontzeck sein Handwerk versteht. Andernfalls hätte er seine Fußballlehrerausbildung nicht mit Auszeichnung bestanden. Dennoch halten ihn in einer Umfrage der Hamburger Morgenpost nur etwa ein Drittel der Fans für »den richtigen Trainer« für den Verein. Aus diesen Zahlen spricht selbstredend nicht nur Skepsis Frontzeck gegenüber, sondern auch eine gewisse Grundunzufriedenheit der Fans mit dem Zustand ihres Verein und genauso eine ablehnende Haltung eines Teils der Fans gegen alle, die nicht Holger Stanislawski heißen. Wenn Frontzeck all jene, die ihn für den falschen Mann für seine Aufgabe halten, eines Besseren belehren will, täte er jedoch gut daran, diese Grundskepsis ernst zu nehmen, denn sie bezieht ihre Grundlage nicht nur aus einem plumpen »früher war alles besser«, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis der Fanszene, die sehr genau wissen, wann und wie ihr Verein erfolgreich war und wann eben nicht. Wenn Frontzeck mit dem FC St. Pauli Erfolg haben möchte, dann sollte er nicht nur das desaströse Verhalten bei Standards des gegnerischen Teams und die eklatante Abschlussschwäche angehen, sondern vor allem auch die zwischenmenschlichen Dynamiken innerhalb des Teams ganz genau analysieren und falls nötig auch hart durchgreifen und Spieler, die das soziale Gefüge der Mannschaft aus dem Lot bringen, in die Wüste schicken bzw. sie in der Winterpause auf dem Transfermarkt Umtauschen gehen.

Sollte ihm all das gelingen und sollte das Team wieder in die Erfolgsspur zurückkehren, darf sich Frontzeck jedoch bei allen Vorbehalten. Die es derzeit noch gibt, auch gewiss sein, dass der Anhang des Kiezclubs ihn in Windeseile in die Arme und Herzen schließen wird, denn in der ganzen weiten Fußballwelt gibt es wohl kaum einen Verein, bei dem Helden so schnell geboren und so innig verehrt werden wie beim FC St. Pauli. Nirgendwo sonst hätte Leo Manzi zum Publikumsliebling werden können, nirgendwo sonst hätte ein Gerald Asamoah mit nur einem einzigen Tor unsterblich werden können und nirgendwo sonst würde sich noch irgendwer an Adolphus Ofodile erinnern, nur weil er, der sonst nie wieder auch nur ein einziges Tor für den Verein machte, mal bei einem 7:1 gegen Braunschweig zwei Tore gemacht hat. Sollte Frontzeck auch nur ein bisschen Erfolg haben und sich als wenigstens halbwegs sympathisch herausstellen, wird er sicher sehr schnell von sehr vielen als »Frontzecke« in die St. Pauli-Familie aufgenommen werden. Ich persönlich hätte nichts dagegen.