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Polizeifeindlicher Rassismus in Augsburg?


Alles redet über die Ultras bei St. Pauli und Polizei in der Kurve oder eben nicht in der Kurve. Das ist auch sicher ein interessantes Thema, um damit ein Sommerloch zu stopfen. Untergegangen aber ist bei all dem Trubel eine Aussage von Walther Seinsch, dem Präsidenten des FC Augsburg, zu einem ganz ähnlichen Thema. In einem Statement zu einem Transparent in der Augsburger Kurve mit der Aufschrift „Bullen angreifen ist kein Verbrechen! – Standhaft bleiben Andi!“, das auf der Internetseite des Vereins eingesehen werden kann, schreibt dieser folgendes:
„Rassismus ist nicht nur körperliche und verbale Gewalt gegen ‚Rassen‘, sondern auch Gewalt und Ausgrenzung gegen Gruppen dieser Gesellschaft. Dazu gehört auch die Polizei.“
Ungeachtet der Frage, ob die Polizist_innen jetzt „Freund und Helfer“ oder „Bullenschweine“ sind, ist an dieser Aussage höchst problematisch, dass sie die Ausgrenzung oder Diskriminierung von Polizist_innen nicht nur als dem Rassismus gleichwertig bezeichnet, sondern explizit die Behauptung aufstellt, es handele sich dabei um Rassismus. Diese Aussage halte ich für in höchstem Maße kritikwürdig und im Grunde schlicht falsch.
Da Seinsch oftmals glaubwürdig vermittelt hat, dass Rassismus ihm zuwider ist, wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass er auch wüsste, was genau eigentlich Rassismus ist. Selbst ein Blick in die Wikipedia hätte genügt, um ihm einen Hinweis zu geben, dass er mit seiner Aussage ziemlich über das Ziel hinaus geschossen ist. Dort nämlich wird Rassismus wie folgt definiert:
„Rassismus ist eine Ideologie, die „Rasse“ in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften deutet.„
Polizist_in zu werden ist nun allerdings eine mehr oder minder frei getroffene Entscheidung. Von Biologismus kann hier keine Rede sein. Seinsch wirft hier schlicht Dinge in einen Topf, die in getrennten Töpfen besser aufgehoben wären. Seiner Auslegung des Begriffes Rassismus zufolge könnte zum Beispiel auch Polizeigewalt gegen Ultras als rassistisch bezeichnet werden, weil es ja auch Gewalt gegen eine Gruppe ist. Ebenso wäre es Rassismus, wenn sich Bandidos und Hell’s Angels die Schädel einschlagen oder sogar wenn Männer am Frauentag nicht in die Sauna dürfen, denn das wäre ja Ausgrenzung einer Gruppe.
Es wäre angebracht, wenn Seinsch seinen laxen Umgang mit dem Wort Rassismus noch einmal überdenken würde und sich eine trennscharfe Definition desselben zu eigen machen würde, denn auch bei strengster Definition wird er noch ausreichend davon finden, wenn er nur genau genug hinsieht. Sein Gebrauch des Wortes ist nicht weniger als Verharmlosung des tatsächlich existierenden Rassismus. Da Seinsch eigentlich für sein zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts bekannt ist, dürfte ihm daran wenig gelegen sein.

Rechte Provokation in der Europa League


Beim Europa League-Spiel zwischen Viktoria Plzen und Hapoel Tel Aviv am Mittwoch kam es zu Beginn der zweiten Hälfte des rein sportlich gesehen unterdurchschnittlichen Spiels zu einer Provokation seitens des Anhangs des gastgebenden Vereins. Im Block direkt hinter dem Tor wurde ein Banner entrollt, auf dem »Better Dead Than Red« zu lesen und ein Strichmännchen, das einen roten Stern in einen Mülleimer wirft zu sehen war.

Die Fans von Viktoria – dem Block nach zu urteilen handelt es sich um die Ultras – nehmen dabei offenbar einerseits Bezug auf das Motto der Hapoel Ultras »Red or Dead« Bezug, greifen andererseits aber auch das dezidiert linke Image des als Arbeiter_innenvereins gegründeten Clubs aus Tel Aviv auf. Das von ihnen verwendete Piktogramm macht dabei ganz klar, dass es ihnen keineswegs bloß um die Vereinsfarben Hapoels geht. Es ist eine ganz klare und politische Äußerung gegen Links. Dass wer so handelt sich politisch eindeutig rechts verortet liegt auf der Hand.

Es ist nicht das erste Mal, dass Viktoria in letzter Zeit negativ auffällt. Erst vor weniger als zwei Monaten waren sechs Spieler des Vereins als Models bei einer Modenschau der rechten Modemarke »Thor Steinar« aufgetreten. Zwar distanzierte sich Viktoria damals halbherzig von dem Vorfall, doch gab Tomáš Marek, der die Marke in Tschechien vertreibt und nebenher Medienberichten zufolge auch noch Mitglied der Neonaziband »Combat 88« ist, zu Protokoll, es gäbe bereits seit Jahresbeginn eine Zusammenarbeit mit dem Verein.

Zumindest bis jetzt scheinen Verein und Verband auf den Vorfall nicht reagiert zu haben. Wahrscheinlich interessiert es dort aber auch niemanden, weil den Verantwortlichen nicht bewusst ist, dass ein solches Banner Ausdruck eines reaktionären Weltbildes ist, zu dem auch Rassismus, Homophobie und generell die Ablehnung aller, die als »Andere« kategorisiert werden, untrennbar dazu gehören. Wer gegen Diskriminierung und gegen Rechtsextremismus ist, kann und darf auch zu so etwas nicht schweigen.

Interview mit Ultras Braunschweig


Rein sportlich gesehen könnte es in Braunschweig gerade kaum besser laufen. In der Fanszene jedoch brodelt es mal wieder. Auslöser – wenn auch nicht Ursache – waren zum einen die Veröffentlichung der »kurvenlage«-Broschüre, die über rechte Umtriebe in der Fanszene der Eintracht aufklärt, durch eine antifaschistische Initiative, zum anderen und vor allem aber auch die erstmalige Rückkehr der Gruppe Ultras Braunschweig ins Stadion zum Heimspiel gegen Bochum am 6. Oktober. Neben einer »Ultras Curva Nord«-Zaunfahne wurde von den etwa 90 Mitgliedern und Sympathisant_innen der Gruppe im Block 15 der Nordkurve auch eine »Keine Eintracht mit Nazis«-Spruchband gezeigt. Damit stießen sie nicht nur beim rechtsoffenen Teil der Fanszene auf wenig Gegenliebe, auch Vertreter_innen des Vereins äußerten in einem schriftlichen Statement, sie würde es nicht zulassen, »dass wir in einer sportlich außerordentlich erfolgreichen Zeit von einer Gruppierung mit Unterstützung aus anderen Städten als politische Plattform missbraucht werden.« Wie so oft wird das Problem also nicht bei sich selbst oder bei den Rassist_innen und Nazis im eigenen Nest gesucht, sondern bei denen die auf die Missstände hinweisen. Um der Gruppe Ultras Braunschweig die Möglichkeit zu geben, ihre Sicht der Dinge publik zu machen, gibt es an dieser Stelle ein Interview mit einem Mitglied der Gruppe:

Was war es für ein Gefühl nach so langer Zeit endlich wieder im Stadion zu stehen?
Der erste Gang ins Stadion als Gruppe Ultras Braunschweig war nach all den Jahren ein Wechselbad der Gefühle. Viele waren immer mal wieder vereinzelt bei Spielen gewesen, was aber mit Jagdszenen beim Heimspiel gegen den FC St. Pauli letztes Jahr einen herben Dämpfer erhielt. Es wusste also niemand so genau, was uns dort erwarten wird. Schlagen einem nur Antipathien entgegen oder gibt es die Möglichkeit wie andere Fans normal das Spiel zu verfolgen? Niemand konnte sich voll und ganz auf das Geschehen auf dem Platz konzentrieren, waren doch immer wieder uns feindlich gesinnte Personen dabei den Block zu mustern und auch schon in der Halbzeit des Spiels kam es zu einem Aufkommen von größeren Hooligan-Gruppen, die sich am Eingang zum Nachbarblock positionierten. Erst als das Tor zwischen Gegengerade und Nordkurve geschlossen wurde, wich die Anspannung teilweise, da diese Maßnahme vom Verein einen gewissen Schutz in der Situation zur Folge hatte. Außerdem haben uns Aktive aus der Fanszene mit Morddrohungen beim Betreten des Stadions »begrüßt«. Zu hören, dass man das Stadion nicht mehr lebend verlässt, motiviert einen nicht unbedingt. Durch den erfreulichen Spielverlauf war nach einiger Zeit jedoch auch eine gewisse Euphorie zu spüren. Es ist fast schon verrückt Eintracht Braunschweig wieder live zu erleben und das ganze Geschehen um sich herum wahrzunehmen. Dabei kam hinzu, dass die Stimmung im eigenen Block recht angenehm war. Es gab keine Anfeindungen von den Zuschauer_innen um uns herum, eher im Gegenteil, man fügte sich eigentlich ganz gut ein. Nur vereinzelte Versuche des Abfotografierens aus dem Innenraum und dem Nachbarblock waren negativ zu vermerken. Das Ganze kippte dann jedoch nach dem Spiel gewaltig. So mussten wir eine halbe Stunde lang im Block warten, bis die Polizei grünes Licht dazu gab uns über den Gästeblock in einen Bus zu stecken, der uns schließlich in einen anderen Stadtteil gebracht hat. Es ist unseres Wissens nach noch nie vorgekommen, dass Heimfans der Eintracht derartig das Stadion verlassen mussten und auf der Rückfahrt war die Stimmung dadurch auch etwas gedrückt.
Ich denke jede_r von uns hat gemischte Gefühle nach diesen Ereignissen, doch es zeigt auch, dass die Rechten nicht ein ganzes Stadion hinter sich haben und ihnen bewusst ist, dass ihre Vormachtstellung nicht alles überdauern kann. Positiv auch, dass mit dem Spruchband »Keine Eintracht mit Nazis« das wahrscheinlich erste Banner überhaupt gegen extrem Rechte im Stadion gezeigt werden konnte. Damit hatte ich vor vielleicht einem Jahr sicherlich auch noch nicht gerechnet.

Die Reaktionen der Anderen, also von Cattiva und Hools, waren dagegen erwartungsgemäß alles andere als positiv. Was genau ist denn von deren Seite passiert?
Da sich die Polizei etwas bedeckt hält und der Verein gar nicht auf die Ereignisse eingeht, kann ich das nur so umschreiben, wie wir es erlebt und berichtet bekommen haben. Cattiva und ihr Umfeld haben relativ schnell den Block verlassen und sich in recht großer Zahl vor den Eingang des Stadions postiert, über den wir gekommen waren und den wir auch zum Verlassen nutzen wollten. Was genau sie da versucht haben und wie weit das gezielt war, können wir schwer bewerten, uns wurde das lediglich so von den Sicherheitsmenschen übermittelt. Gleichzeitig versuchten ca. 40 Hooligans auf der anderen Seite des Stadions sich den Weg zum Gästeblock zu bahnen, von dem aus wir das Stadion verlassen sollten. Dabei kam es zu einem heftigen Ausbruch von Gewalt, wurden sie doch von der Polizei aufgehalten und begannen deswegen diese zu attackieren und mit Gegenständen zu beschmeißen. Diese Motivation unbedingt durchzubrechen, zeigt gut welcher Hass uns da entgegenschlug von deren Seite. Damit beweisen sie eigentlich nur das, was man schon vorher immer publiziert hat: Sie sind so stark in ihrem rechten Weltbild gefestigt, dass jedes noch so kleine Zeichen gegen Nazis für sie ein Grund für pure Gewalt ist. Niemand der etwas gegen Nazis hat, würde so reagieren.

Wie ist die aktuelle Lage in der gespaltenen Braunschweiger Szene generell?
Es gibt eine klare Trennung zwischen uns und den Hooligans bzw. jenen Gruppen, die sich offen mit diesen solidarisieren. Es gibt bisher keinen weiteren Fanclub, der sich öffentlich gegen Nazis im Stadion positioniert und damit uns auch etwas den Rücken stärkt. Da ist aber auch die Frage, ob die einzelnen Fans dies gar nicht wollen oder sich eher nicht trauen. Denn es ist bekannt, dass Menschen, die mit den Hooligans brechen, immer wieder Drohungen und Gewaltsituationen ausgesetzt sind. Dabei wird häufig versucht die rechte Hegemonie der Hooligans kleinzureden. Diese würden im Gegensatz zu den 80er oder 90er Jahren gar nicht mehr richtig rechts auftreten und würden ja auch niemals der Eintracht schaden und daher auch nicht zu kritisieren sein. Gleichzeitig wird versucht uns mit der Extremismustheorie zu »Linksextremen« und mindestens genauso schlimmen »Störenfrieden« zu verklären. Zusätzlich wird uns vorgeworfen, dass wir nur aus Wut auf den Verein versuchen den rechten Strukturen etwas entgegenzusetzen. Auffällig ist dabei immer wieder, dass es keine wirklichen Argumente, sondern lediglich Anschuldigungen und Anfeindungen gibt. Ein direkter Austausch existiert hingegen überhaupt nicht. Auf der einen Seite will und kann man auch mit Gruppen wie Cattiva nicht reden, solange diese sich nicht offen gegen Rechts positionieren, auf der anderen würde es bei dem Versuch von Gesprächen wohl zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen, wie die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen haben. Abgesehen davon gibt es für uns keinen Grund mit rechten Hooligans oder mit Nazis zu reden. Warum auch? Momentan ist die Situation so angespannt, dass jede_r in der Gruppe bewusst ist, dass es zu Überfällen und Angriffen kommen kann. Aber das war auch vorher klar und wir sind dieses Risiko mit Bedacht eingegangen.

Wieso die Rückkehr ins Stadion gerade jetzt? Gab es dafür einen speziellen Anlass?
Wir wären sicherlich gerne früher wieder ins Stadion zurückgekehrt. Warum wären sonst immer wieder Leute von uns auch so zu Heimspielen gegangen? Aber die Situation war nunmal so, dass wir uns nicht sicher fühlen konnten. In Zusammenarbeit mit der Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen wurde in den letzten Monaten jedoch kontinuierlich darauf hingearbeitet diesen Konflikt offenzulegen und zu zeigen, wer sich da gegen wen aus welchen Gründen stellt. Dadurch konnten wir uns auch bei anderen Akteur_innen der Stadt ein Standing erarbeiten, dass uns einen gewissen Rückhalt garantiert. Mit dem Erscheinen der Broschüre »kurvenlage« durch die Initiative schien für uns der richtigen Moment gefunden zu sein. Wir hatten uns bereits vorher das Spiel gegen Bochum auserkoren, doch durch die Veröffentlichung wurde das Ganze dann noch inhaltlich unterfüttert, da jede_r nun nachlesen kann, was das genaue Problem bei Eintracht Braunschweig ist. Wie die Reaktionen sonst gewesen wären, wissen wir nicht, doch so viel anders wären sie sicherlich nicht ausgefallen. Ob mit oder ohne Broschüre – zahlreiche rechte Angriffe fanden ohnehin in den letzten Jahren statt, wie die ausführliche Chronologie rechter Übergriffe und Aktivitäten in der Broschüre unterstreicht.

Könntest du vielleicht noch kurz etwas zu der »kurvenlage«-Broschüre erzählen. Die scheint ja eine ebenso gute wie wichtige Sache zu sein.
Die Broschüre ist von der Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen herausgegeben worden, welche uns bei dem Spielbesuch auch begleitet hat. Diese hat sich das Ziel gesetzt den rechten Konsens in Teilen der Fanszene zu brechen, da es der letzte wirkliche Rekrutierungsort für Nazis in Braunschweig ist. Dieser Konsens ist schon seit Jahrzehnten sehr gefestigt und geht zurück auf die ersten Strukturen von Hooligans in Braunschweig. Denn wenn es in Braunschweig bisher Politik im Stadion gab, dann immer nur rechte und keine emanzipatorische. Die Broschüre greift diese Vergangenheit auch auf und zeigt wie die Verbindungen von damals zu heute weiterführen. Außerdem benennt sie die aktuell führenden rechten Gruppen im Stadion bzw. in der Hooliganszene und setzt sich mit anderen Themen wie Fußball und Politik, Thor Steinar oder Rassismus im Stadion auseinander. Dass diese Punkte immens wichtig sind, zeigt der gerade stattfindende Diskurs, denn Phrasen wie »Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik« oder »Thor Steinar hat nichts mit Nazis zu tun« sind weiterhin häufig geäußerte »Argumente«.

Und wie geht es jetzt weiter bei UB’01? Seid ihr jetzt wieder regelmäßig im Stadion und vielleicht auch wieder auswärts am Start?
Tja, wenn wir das nur wüssten. Uns ist klar, dass es Kontinuität braucht, um als ein Gegengewicht gegen die rechten Positionen im Stadion zu wirken, doch ist es gleichzeitig auch so, dass wir damit Gesundheit und Privatleben aufs Spiel setzten. Die nächsten Schritte müssen wohl überdacht werden, aber uns allen ist klar, dass wir zu viel aufs Spiel gesetzt haben, um es bei einem einmaligen Auftritt im Stadion zu belassen, der wahrscheinlich mit einem Aufstieg in die Bundesliga in Vergessenheit geraten würde. Einen festen Plan mit zu schaffenden Wegmarken gibt es in der Form nicht, wir müssen die nächsten Schritte genau überdenken. Denn der Verein hat sich momentan klar gegen uns positioniert und will nicht, dass wir den sportlichen Erfolg schädigen – wie und warum auch immer wir das bewirken sollen (siehe Stellungnahme Eintracht…). Daher müssen wir schauen wie wir darauf sinnvoll reagieren können, sind wir doch vom Wegschauen und Abweisen des Vereins arg enttäuscht, wenngleich auch nicht total überrascht.

Links:

Ultras Braunschweig

Initiative gegen rechte [Hooligan-)Strukturen