Fans in Ungarn positionieren sich gegen Rassismus

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„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, sang die Hamburger Band Kettcar irgendwann mal. In manchen gesellschaftlichen Zusammenhängen scheint aber selbst „gut gemeint“ noch um Längen besser zu sein als das, was Alltag ist. Als ein solches Beispiel könnte Ungarn gelten. Spätestens seit dem Amtsantritt der zweiten Regierung Orbán sind dort völkischer Nationalismus und die Forderung nach Revision des Vertrages von Trianon nicht nur wieder gesellschaftsfähig, sondern explizit Teil dessen, was als ganz normaler Teil des Alltagsdiskurses gilt. Das zeigt sich natürlich auch beim Fußball. Antisemitische und antiziganistische Beschimpfungen sind in den Stadien vollkommen üblich, und im Umfeld von Länderspielen der ungarischen Auswahlmannschaft kommt es fast schon regelmäßig zu von rechten Hooligans angezettelten Krawallen – zumindest wenn es gegen den Nachbarn Rumänien geht, von dessen Staatsgebiet Ungarns gesellschaftliche Rechte einen beträchtlichen Teil als „eigentlich zu Ungarn gehörend“ ansieht.

Wenn in einem solchen Kontext Fußballfans wenigstens ein Stück weit progressivere Töne anschlagen, dann grenzt das fast schon an ein Wunder. Genau das jedoch war kürzlich beim Erstligaspiel zwischen MTK Budapest und Paksi FC zu beobachten, als ein Teil der Gästefans Mitte der ersten und noch einmal zu Beginn der zweiten Halbzeit unter dem Beifall eines Teils des Heimpublikums mehrere Transparente hochhielt, auf denen – zumindest irgendwie – gegen Rassismus Stellung bezogen wurde. „Wir sind Ungarn, keine Rassisten“, hieß es auf einem der Transparente, ein anderes verwies auf das WM-Qualifiaktionsspiel gegen Rumänien im März, das auf Grund von antisemitischen Beschimpfungen bei einem Spiel gegen Israel einige Monate zuvor vor leeren Rängen hatte stattfinden müssen. „Familien in die Stadien“, forderte ein drittes Transparent, und das vierte schließlich verwies darauf, dass der Zuschauer_innenschnitt in der ungarischen Liga erschreckend niedrig ist. Ursache hiervon seien die Rassist_innen, hieß es weiter.

Zwar mag es von außen betrachtet etwas verwunderlich anmuten, dass all dies unter mehrfachem Verweis auf die ungarische Fahne und auf das eigene Ungarisch-Sein geschah, wo doch Nationalismus und Rassismus für gewöhnlich einem engen Wechselverhältnis miteinander stehen, die Aktion war jedoch – zumindest wurde sie auch von ungarischen Expert_innen auf Nachfrage so interpretiert – durchaus als Kritik an der herrschenden, von Gewalt und Diskriminierung geprägten Fankultur gemeint. Dass Diskussionen im Ungarn dieser Tage auf einer anderen Ebene und mit anderen Bezugspunkten verlaufen als beispielsweise in Deutschland, scheint einleuchtend. Gemessen an dem, was in ungarischen Stadien und Parlamenten momentan Alltag ist, ist das, was die Fans aus der Kleinstadt Paks dort gezeigt haben – und auch die positive Reaktion der Heimseite – ein durchaus positives Signal dafür, dass auch in Ungarn nicht jede Scheiße von allen anstandslos hingenommen wird. Für alles andere braucht es in Ungarn wahrscheinlich einfach noch Zeit.

Polizeifeindlicher Rassismus in Augsburg?


Alles redet über die Ultras bei St. Pauli und Polizei in der Kurve oder eben nicht in der Kurve. Das ist auch sicher ein interessantes Thema, um damit ein Sommerloch zu stopfen. Untergegangen aber ist bei all dem Trubel eine Aussage von Walther Seinsch, dem Präsidenten des FC Augsburg, zu einem ganz ähnlichen Thema. In einem Statement zu einem Transparent in der Augsburger Kurve mit der Aufschrift „Bullen angreifen ist kein Verbrechen! – Standhaft bleiben Andi!“, das auf der Internetseite des Vereins eingesehen werden kann, schreibt dieser folgendes:
„Rassismus ist nicht nur körperliche und verbale Gewalt gegen ‚Rassen‘, sondern auch Gewalt und Ausgrenzung gegen Gruppen dieser Gesellschaft. Dazu gehört auch die Polizei.“
Ungeachtet der Frage, ob die Polizist_innen jetzt „Freund und Helfer“ oder „Bullenschweine“ sind, ist an dieser Aussage höchst problematisch, dass sie die Ausgrenzung oder Diskriminierung von Polizist_innen nicht nur als dem Rassismus gleichwertig bezeichnet, sondern explizit die Behauptung aufstellt, es handele sich dabei um Rassismus. Diese Aussage halte ich für in höchstem Maße kritikwürdig und im Grunde schlicht falsch.
Da Seinsch oftmals glaubwürdig vermittelt hat, dass Rassismus ihm zuwider ist, wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass er auch wüsste, was genau eigentlich Rassismus ist. Selbst ein Blick in die Wikipedia hätte genügt, um ihm einen Hinweis zu geben, dass er mit seiner Aussage ziemlich über das Ziel hinaus geschossen ist. Dort nämlich wird Rassismus wie folgt definiert:
„Rassismus ist eine Ideologie, die „Rasse“ in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften deutet.„
Polizist_in zu werden ist nun allerdings eine mehr oder minder frei getroffene Entscheidung. Von Biologismus kann hier keine Rede sein. Seinsch wirft hier schlicht Dinge in einen Topf, die in getrennten Töpfen besser aufgehoben wären. Seiner Auslegung des Begriffes Rassismus zufolge könnte zum Beispiel auch Polizeigewalt gegen Ultras als rassistisch bezeichnet werden, weil es ja auch Gewalt gegen eine Gruppe ist. Ebenso wäre es Rassismus, wenn sich Bandidos und Hell’s Angels die Schädel einschlagen oder sogar wenn Männer am Frauentag nicht in die Sauna dürfen, denn das wäre ja Ausgrenzung einer Gruppe.
Es wäre angebracht, wenn Seinsch seinen laxen Umgang mit dem Wort Rassismus noch einmal überdenken würde und sich eine trennscharfe Definition desselben zu eigen machen würde, denn auch bei strengster Definition wird er noch ausreichend davon finden, wenn er nur genau genug hinsieht. Sein Gebrauch des Wortes ist nicht weniger als Verharmlosung des tatsächlich existierenden Rassismus. Da Seinsch eigentlich für sein zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts bekannt ist, dürfte ihm daran wenig gelegen sein.

Anmerkungen zum Saisonende #1


Die Bundesligasaison ist vorbei und auch andernorts sind die Ligen bereits in die Sommerpause gegangen. Zeit Bilanz zu ziehen und ein paar Dinge festzustellen. Wussten Sie zum Beispiel, dass…

…in dieser Saison erstmals seit der Einführung der Relegation in der Saison 2008/09 beide direkten Abstiegsplätze in der Bundesliga von Aufsteigern belegt wurden? Eine solche Tabellenkonstellation gab es zuletzt 2007/08, als der MSV Duisburg und der FC Hansa Rostock als 17. und 18. der Tabelle den Gang in die zweite Liga antreten mussten – begleitet übrigens vom 1. FC Nürnberg, der in der Vorsaison noch sensationell den DFB-Pokal geholt hatte.

…auch in der 2. Bundesliga die beiden letzten Tabellenplätze von Aufsteigern belegt wurden? Für Jahn Regensburg und den SV Sandhausen geht es gleich wieder runter in die 3. Liga. Mitaufsteiger VfR Aalen hielt die Klasse als Tabellenneunter zwar überaus souverän, hatte jedoch enorme Schwierigkeiten bei der Einhaltung der Lizenzauflagen und dürfte das Ergebnis der Prüfung der entsprechenden Unterlagen durch die DFL noch immer mit leichtem Magengrummeln erwarten.

…der FC Bayern München die 100-Tore-Marke am Ende um ganze zwei Tore verpasst hat? Dennoch hat der neue Deutsche Meister damit alleine fünf Tore mehr geschossen als der 5. und der 6. der Liga, der SC Freiburg und Eintracht Frankfurt zusammen.

…in Dänemark der Traditionsverein Brøndby IF erst am letzten Spieltag endgültig klar machen konnte? Durch ein 1:0 in der Nachspielzeit beim direkten Konkurrenten AC Horsens, dem aktuellen Arbeitgeber des Ex-St. Paulianers und Bald-Cottbussers Charles Takyi, gelang es dem Verein aus der Hauptstadt Kopenhagen das Ruder gerade nochmal so herum zu reißen. Hätte Horsens gewonnen, wäre der zehnmalige dänische Meister Brøndby zum ersten Mal seit seinem Aufstieg in die Erstklassigkeit vor 31 Jahren abgestiegen. Stattdessen geht es jetzt für Horsens und Silkeborg IF in die 1. Division.

…Brøndby IF in der höchsten Frauenfußballliga Dänemarks, der 3F Ligaen, dagegen souverän mit acht Punkten Vorsprung vor Fortuna Hjørring Meister geworden ist?

…in der 3. Liga am Ende der Saison sowohl der erste als auch der letzte Platz der Tabelle mit einem Zweitligabsteiger des Vorjahres belegt war? Während der Karlsruher SC den direkten Wiederaufstieg feiern konnte, stieg Alemannia Aachen nach desolater Leistung auf allen Ebenen gleich nochmal ab. Der dritte Absteiger, der FC Hansa Rostock, fand sich am Ende jenseits von Gut und Böse auf Platz 12 wieder und damit zwei Plätze hinter dem Halleschen FC, der sich die Goldene Ananas für den besten Aufsteiger abholen darf.

…durch den langen Winter mancherorts in Deutschland die Saison noch lange nicht vorbei ist? In der Berlinliga etwa wird erst am 9. Juni kurz vor 17 Uhr Schluss sein, wenn die Partien zwischen Eintracht Mahlsdorf und dem SC Gatow sowie dem 1. FC Wilmersdorf und dem Adlershofer BC abgepfiffen werden. Letzterer steht dennoch genau wie Club Italia als Absteiger fest. Sollte die Überraschungsmannschaft der Saison, der Aufsteiger und Tabellenführer BSV Hürtürkel, am Sonntag gegen seinen direkten Verfolger, den SFC Stern 1900 gewinnen oder Unentschieden spielen, würde übrigens auch der neue Meister bereits vorzeitig feststehen.

…die Aufsteiger in die Frauen-Bundesliga BV Cloppenburg und – ironischerweise – TSG 1899 Hoffenheim heißen? Wie schwierig es ist, sich in der höchsten deutschen Spielklasse zu behaupten, davon können sie dagegen beim VfL Sindelfingen und beim FSV Gütersloh 2009 ein Liedchen singen, denn für beide Aufsteiger des Vorjahres geht es gleich wieder zurück in Liga 2.

…in Österreich in der ÖFB-Frauenliga der Meister aller Voraussicht nach auch in diesem Jahr SV Neulengbach heißen wird und das zum elften Mal in Folge? Nur wenn Neulengbach beim FC Südburgenland verliert und Verfolger ASV Spratzern gleichzeitig nicht nur Union Kleinmünchen schlägt, sondern auch noch die um 41 Tore schlechtere Tordifferenz ausgleicht, kann der Verein aus dem 7877-Einwohner_innen-Nest im Wienerwald noch gestoppt werden.

…in der englischen Premier League – zumindest an der Spitze – alles höchst geographisch geordnet zugeht? Die ersten zwei Teams kommen aus Manchester, die nächsten drei aus London, und dann folgen zwei aus Liverpool. Dahinter freilich geht alles bunt durcheinander.

…die zwangrelegierten Glasgow Rangers ihre Saison in der vierten Liga, der Scottish Third Division, als unangefochtene Meister beendet haben? Mit 83 Punkten lagen sie himmelweit vor dem Tabellenzweiten Peterhead FC mit 59 Punkten und haben sich damit direkt für die Scottish Second Division qualifiziert, wo sich jetzt auf Branchengrößen wie East Fife und Forfar Athletic treffen werden.

Fußball ist eben mehr als nur „Deutsches Champions League Finale“ und Wohin-wechselt-Götze. Mehr statistischen Quatschkram gibt es demnächst…

Kein Derbyfieber in Berlin


Angeblich ist ja die ganze Hauptstadt seit Tagen oder gar Wochen im Derbyfieber. Irgendwie scheint das aber ein Großteil der Stadt nicht mitbekommen haben. Ohnehin ist Fußball in Berlin etwas, was die Stadt weder elektrisiert noch großartig interessiert. Natürlich gibt es Zehntausende Fans von Hertha und Union, und auch der BFC, TeBe und Babelsberg haben durchaus erwähnenswerte Fanszenen, doch interessiert sich das Gros der über drei Millionen Menschen hier für keinen der Vereine so richtig, und die Fußballkneipen sind zumindest in der Innenstadt eher dann am vollsten, wenn Barcelona gegen Real spielt oder der FC Bayern gegen Borussia Dortmund.

Das mondäne Berlin steht halt eher auf guten Fußball und den gibt es hier vor Ort schon seit vielen Jahren nicht mehr. An den ausgefransten Rändern der Stadt, wo Berlin fließend in Brandenburg übergeht, mag das anders aussehen. Dort gibt es sie wahrscheinlich wirklich die eingefleischten Herthaner_innen und die eisernen Unioner_innen. In Kreuzberg, Mitte oder Friedrichshain deutet jedoch auch am großen Derbytag absolut gar nichts darauf hin, dass hier heute nahezu 75.000 Menschen in eines der hässlichsten Stadien der Welt fahren und Zweitligafußball schauen werden. Hier gehen die Leute einkaufen oder sonstwas, und um 20.15 Uhr gucken sie wahrscheinlich die Simpsons und nicht Sport 1.

Fußball in Berlin oder besser gesagt die Fanszenen der großen Berliner Vereine sind vor allen Dingen eine Sache des White Trash. Das wird auch offensichtlich, wenn mensch am Tag des Derbys zum Bahnhof Zoo fährt, wo sich beide Szenen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt zur gemeinsamen Anreise in Richtung Reichssportfeld versammelt haben. Zwar tragen die einen Blau und die anderen Rot, aber das Sozial- und auch das sonstige Verhalten gleicht sich nahezu wie ein Ei dem anderen. Auf beiden Seiten gibt es Böller und Pyros, auf beiden Seiten werden zu den gleichen Melodien meist ähnliche Texte gegröhlt und auf beiden Seiten werden unglaubliche Mengen von Alkohol vernichtet, als gäbe es im Olympiastadion eine Mindestpromillegrenze.

Was jetzt so toll daran ist, sich mehrere Stunden lang in der hässlichen City Westberlins bei Minusgraden die Beine in den Bauch zu stehen, wenn mensch doch ohnehin schon später am Abend mehr als genug Zeit in der Kälte verbringen muss, erschließt sich mir nicht so ganz. Wahrscheinlich hat es was mit Gemeinschaftsgefühl zu tun. Vielleicht auch nur mit Langeweile. Überhaupt wirkt das Ganze arg aufgebauscht. Zu Vorwendezeiten waren die Fans beider Vereine sogar befreundet und bis zum ersten Pflichtspielderby vor rund vier Jahren war die Rivalität mehr oder minder gleich Null. Warum das alles plötzlich zum bitterheißen Derby hochstilisiert werden muss und vor allem warum manche Leute den Quatsch auch noch glauben und ernst nehmen ist mir schleierhaft.

Derbys leben auch von Tradition und Geschichte, von lange anhaltender Rivalität, von über Generationen hinweg tradierten Legenden. All das gibt es bei Hertha gegen Union nicht mal im Ansatz. Das einzige Derby, das in Berlin wirklich eines wäre, wäre das zwischen Union und dem BFC Dynamo. Alles andere ist entweder ein guter Witz – wie jüngst bei TeBe gegen Blau-Weiss – oder ein schlechter – wie das hier und heute.

Dabei war zumindest der Mob der Unioner_innen wirklich beachtlich anzusehen, als er vom Breitscheidplatz zum Zoo zog. Mir persönlich gefiel das Dutzend Fans von TeBe, das sich im KaDeWe zum Champagner Trinken getroffen hatte, jedoch um Klassen besser. Irgendwie schienen sie mir die einzigen zu sein, die dem ganzen Trubel genau das richtige Maß an Aufmerksamkeit schenkten – nämlich gar keine.

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Ultra Szene Mainz von Rechten gecrosst


Unbekannte haben ein Graffiti der Ultra Szene Mainz (USM) gecrosst. So etwas passiert sicher nicht zum ersten Mal. In diesem Fall deutet jedoch vieles darauf hin, dass es sich dabei um extrem rechte Schmierfinken handelt.

Zum einen wurde in sichtlich dilettantischer Weise, die darauf schließen lässt, dass es sich nicht um hauptamtliche Sprüher_innen handelt, der Spruch »Ultras Not Red« gesprüht. Dabei handelt es sich um den Namen eines zwar sehr schlechten, aber auch sehr bekannten Blogs, der Bilder extrem rechter Ultras und Hools versammelt. Es liegt nahe, zu vermuten, dass der Spruch dem Slogan »Punk’s not Red« entlehnt ist, mit dem rechte Oi!-Idiot_innen seit langem versuchen die linke Deutungshoheit über Punk anzugreifen und der seinerseits wiederum eine Abwandlung des von The Exploited popularisierten »Punk’s not dead« ist.

Noch eindeutiger dagegen sind die URL und die Symbole, die auf dem zweiten Foto zu erkennen sind. Hinter der Website zentropa.info verbirgt sich ein extrem rechter Blog, der sich regelmäßig auf die italienischen Neofaschist_innen der Casa Pound beziehen, und das stilisierte Keltenkreuz ist seit langem als Symbol für »White Power« gebräuchlich. Das seltsame Symbol rechts, das einem »Peace«-Zeichen ähnelt, ist das Symbol der sogenannten »Identitären Bewegung«.

Diese hat ihren Ursprung und ihren Schwerpunkt in Frankreich, wo der Bloque Identitaire und dessen Jugendbewegung Génération Identitaire derzeit zu den wichtigsten Akteuren innerhalb der extremen Rechten jenseits des Front National zählen. Die Identitäre Bewegung setzt vor allem auf öffentlichkeitswirksame Aktionen mit hohem durch die bloße Macht der Bilder transportierten Symbolgehalt. So haben Mitglieder der Bewegung etwa im Oktober 2012 ein Moscheedach in Poitiers besetzt oder im März 2010 maskiert mit Schweinemasken eine Filiale einer Restaurantkette in Aufruhr versetzt, weil dort »Halal-Burger« verkauft werden.

Politisch ist die Identitäre Bewegung im Dunstkreis der Neuen Rechten einzuordnen. Sie vertritt keinen klassischen, sondern eher einen kulturalisierten, weiß-europäischen Nationalismus, der sich offenkundig an das Konzept des Ethnopluralismus anlehnt. Auch wenn die Bewegung von sich behauptet nicht rassistisch zu sein, so trifft das für ihre Mitglieder in der Praxis – ähnlich wie bei der English Defence League – eher selten zu. In den vergangenen Monaten ist die Bewegung offenbar auch in Deutschland angekommen. Eine eigene Website ist eingerichtet worden und zumindest in Rostock und Berlin ist es zu Aktionen gekommen. Aus Kassel wurden mehrfach Graffitis mit dem Logo der Bewegung gemeldet.

Auch wenn nicht bekannt ist, wer für die Sprühereien in Mainz verantwortlich ist, zeigen sie doch, dass in der Praxis die Identitäre Bewegung zumindest von einigen offenbar problemlos »White Power«, Neofaschismus und Antikommunismus zusammendenken lassen. Aber wen wundert das denn auch? Scheiße passt halt gut zu Scheiße…

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Always moving forward… – ACU gibt auf!


Gut zwei Tage sind vergangen seit den Ereignissen von Köln und noch immer schüttel ich unwillkürlich mit dem Kopf, wennich  daran denke, was ich dort erlebt habe. Dabei hatte alles so gut angefangen. Die rund 250 Ultras und Unterstützer_innen und unter ihnen all die bekannten Gesichter zu sehen, die von überall her angereist waren, um den Aachen Ultras (ACU) bei ihrem letzten und schwersten Gang ins Stadion solidarisch zur Seite zu stehen, war etwas, das einer_m schon Mut machen konnte. Vielleicht ist so etwas wie ein besserer Fußball, eine bessere Fankultur, doch möglich…

Doch dann kam das Spiel und dann kamen die Rufe und Gesänge von der Karlsbande, von den Hools und von den ganz normalen Alemannia-Fans. Es waren nur Einzelne, die die Auswechselspieler von Viktoria Köln ausdauernd sexistisch und homophob beschimpften, aber es waren Hunderte, die abwertend von Köln als „Hauptstadt der Schwulen“ sangen und die „Hurensöhne“ riefen, und es war auf weiter Flur niemand zu sehen, der_die sich ihnen entgegen stellte. Wer mit diesem menschenfeindlichen Konsens nicht zurechtkommt, ihn nicht mittragen will, aber dennoch zur Alemannia geht, steht nebenan im anderen Block bei ACU. Wie viele schon vor langer Zeit aufgegeben haben und einfach gar nicht erst mehr ins Stadion gehen, lässt sich nur erahnen. Die Mehrheit jedoch schweigt schlicht und ergreifend.

Wer schweigt stimmt zu, heißt es irgendwo, und die Aachener Fanszene schweigt in weiten Teilen, wenn sie nicht selbst aktiver Teil des Problems ist. Auch der Verein tut fast nichts, um den herrschenden rechten bis rechtsoffenen Konsens zu brechen – wahrscheinlich aus der berechtigten Angst, einen Großteil des Anhangs zu verlieren, wenn er gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie tatsächlich so engagiert vorgehen würde, wie er gerne behauptet und der DFB es eigentlich auch verlangt. Wenn Antidiskriminierungsrichtlinien konsequent umgesetzt werden würden und die Abwertung anderer Menschen als schwerwiegender oder wenigstens genauso schwerwiegend angesehen werden würde wie Pyrotechnik, dann hätten alleine nach diesem Spiel in Köln mehrere Hundert Anhänger_innen der Alemannia ein mehrjähriges bundesweites Stadionverbot bekommen müssen – und das lange bevor sie auch noch anfingen Böller auf ACU zu werfen…

Es ist schockiert, ja fast verstörend, was in Aachen als „zu links“ gesehen wird. Gemessen an dem nach außen kommunizierten Politikverständnis der Alemannia und ihrer Fanszene dürfte selbst die CDU zeitweise nur knapp am Verdacht des Kommunismus vorbeischrammen, denn was von ACU und deren Unterstützer_innen gefordert wird, ist in den allermeisten Fällen nicht mehr und nicht weniger als die Einhaltung geltender Andiskriminierungsgesetze und die Gewährung der im Grundgesetz festgehaltenen Rechte auf Unverletzlichkeit der menschlichen Würde und körperliche Unversehrtheit. Wenn nicht einmal darüber Konsens herrschen kann, dann ist es wahrscheinlich wirklich für jegliche positive Intervention zu spät.

Doch offensichtlich ist genau das der Fall. Ein Großteil – augenscheinlich die Mehrheit – der organisierten Fans von Alemannia Aachen haben offensichtlich weniger Probleme damit, mit aktiven Nazikadern, rechten Hooligans und rechtsoffenen Ultras in der Kurve zu stehen, als damit, das Stadion mit vielleicht zweihundert Menschen zu teilen, die sich diesem Konsens nicht anschließen wollen. Nächtliche „Hausbesuche“, Drohanrufe, Gewaltandrohungen in und ums Stadion und natürlich auch ganz klassische echte physische Gewalt in Form von fliegenden Flaschen, Schlägen und Tritten – all das scheint in Aachen als weniger gravierend angesehen zu werden als Antirassismus oder Engagement gegen Homophobie. Wenn Menschen es wirklich als wichtiger ansehen, dass sie selbst andere sexistisch beleidigen können, als dass es allen möglich ist, angstfrei in ein Fußballstadion zu gehen – und genau das gilt für einen großen Teil der Aachener Fans – dann braucht es mehr als eine kleine progressive Ultragruppe, um daran etwas zu ändern. Traurig, aber wahr…

Mit seinen Fans, wie sie sind, und der Vereinsführung, wie sie ist, hat Alemannia Aachen weder im Profifußball und eigentlich auch überall sonst nichts verloren. Ausgenommen vielleicht den Mülleimer der Geschichte oder die Schulbank in der Nachholklasse für den Grundkurs „Menschenrechte und Demokratie“. Dass ich mir mit derlei  Minimalforderungen mal derart radikal vorkommen würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen…

Doch wo ein Trainer nach dem Spiel sagt, es sei ihm egal, wenn sich die eigenen Fans untereinander angreifen, wo die Mannschaft sich nur bei denen bedankt, die andere Fans mit Böllern beworfen haben und das gegnerische Team in menschenverachtender Weise beleidigt haben und wo der Verein schließlich eine Stellungnahme veröffentlicht, aus der keinerlei Empathie, Problembewusstsein oder Fähigkeit zur Selbstkritik spricht, wird wohl offenbar selbst das Grundgesetz zum antifaschistischen Pamphlet.

Wenn es nur noch um Fußball geht, ist halt alles vorbei, dann war alles umsonst, denn Fußball ist Teil der Gesellschaft und muss als solcher auch soziale Verantwortung übernehmen. Wenn sich unter den eigenen Fans gleich reihenweise Nazis, Rassist_innen und rechte Schläger_innen finden, dann ist das ein Problem, dem sich gestellt werden muss. Alemannia Aachen dagegen scheint das Problem schon immer und immer noch eher bei denjenigen verortet zu haben, die dieses Problem öffentlich thematisiert haben. Aber die sind jetzt ja weg und der Verein kann wieder ungestört in seinem dreckig-braunen Sud aus Selbstmitleid und Schicksalsgemeinschaft schmoren. Die Nestbeschmutzer_innen sind raus aus dem Stadion und die Alemannia-Familie kann sich wieder fleißig gegenseitig auf die Schulter klopfen und so tun, als wäre nichts gewesen. Sie hat es ehrlich gesagt auch nicht mehr anders verdient.

Vielen Dank ACU und Umfeld für’s Versuchen! Macht euch nichts draus! Diesen Kampf gegen das geballte, Verein gewordene Nicht-Sehen-Wollen und Nichts-Gesehen-Haben, das sich Alemannia Aachen nennt, konntet ihr nur verlieren. Macht’s gut und passt auf euch auf. Ohne euch ist Fußball noch ein bisschen beschissener als ohnehin schon…

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1. FC Bayern München

»Es gibt nur einen FC Bayern« schallt es dann und wann aus mehr oder minder großen Ansammlungen von Fans der roten Münchner_innen heraus. Im Karstadt am Hermannplatz genau auf der Grenze zwischen Berlin-Neukölln und Berlin-Kreuzberg jedoch scheinen einige Menschen anderer Meinung zu sein. Anders lässt sich eigentlich nicht erklären, weshalb sie in der dortigen Sportabteilung extra darauf hinweisen, dass es sich bei den feilgebotenen Trikots um solche des »1. FC Bayern München« handelt.

Ein »2. FC Bayern München« ließ sich jedoch auch nach eingehender Recherche nicht finden. Lediglich der DJK Bayern Nürnberg, die FVgg Bayern Kitzingen, die SpVgg Bayern Hof und der FC Anadolu Bayern ließen sich auftreiben. Am nähesten kommt dem Ganzen vielleicht noch der FC Bayern Alzenau, aber der spielt rund 400 Kilometer weit weg von München direkt an der Staatsgrenze zu Hessen. Wahrscheinlich hat da aber einfach nur irgendwer Scheiße gebaut. Vielleicht interessiert sich dort am Hermannplatz aber auch einfach nur niemand für den FC Bayern und das wäre dann ja doch auch irgendwie nachvollziehbar…

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